Legende der heiligen Klara

 

Einleitender Brief an den Papst zur Legende der heiligen Klara


1. 
In einer fast schon greisenhaft gewordenen, absterbenden Welt, in der sich die Sicht aus dem Glauben verdunkelte, der sittliche Wandel wankte, die Tatkraft der Männer erlahmte; ja, in einer Zeit, wo Schmutz und Laster sich verbündeten, da erweckte Gott, der die Menschen liebt, aus seiner geheimnisvollen Güte ganz neue heilige Orden. Mit ihnen stützte er fürsorglich den Glauben und erneuerte die sittliche Zucht. Ich möchte diese neuartigen Väter zusammen mit ihren echten Nachfolgern Leuchten des Erdkreises, Wegweiser und Lehrer des Lebens heißen. In ihnen leuchtete der abendlich untergehenden Welt eine Heiligkeit auf wie am Mittag, damit sie, die im Finstern wandelte, das Licht sehe.

2. 
Auch dem „schwächeren“ Geschlecht durfte die Hilfe nicht fehlen, da es, vom Wirbel der Lust erfaßt, kein geringerer Wille zum Sündigen hinzog und eine noch größere Gebrechlichkeit dazu antrieb. Deshalb erweckte der gütige Gott die ehrwürdige Jungfrau Klara und zündete in ihr der Frauenwelt eine Lampe an, so hell und klar, die auch Du, Heiliger Vater, auf den Leuchter stelltest, daß sie allen leuchte, die im Hause sind. Die Kraft ihrer Wunder bezwang Dich, sie in das Verzeichnis der Heiligen einzuschreiben.

3. 
In Dir ehren wir den Vater dieser Orden, Dich kennen wir als ihren Erzieher, Dich umfangen wir als ihren Beschützer, Dich verehren wir als ihren Herrn. Obwohl Dich die gesamte Lenkung des riesengroßen Schiffes so sehr in Anspruch nimmt, schließt sie dennoch Deine einzigartige und eifrige Fürsorge auch für das kleine Schifflein nicht aus.

4. 
Fürwahr, Euere Herrlichkeit hat meiner Wenigkeit aufzuerlegen geruht, die Akten der heiligen Klara durchzusehen und eine Beschreibung ihres Lebens zu verfassen, gewiß ein Werk, vor dem ich in meiner literarischen Unbildung zurückgeschreckt wäre, wenn nicht Euere päpstliche Autorität immer wieder von neuem den Auftrag vor mir wiederholt hätte. So faßte ich Mut für diese Aufgabe. Wenn ich nicht sicher war, was ich bei fehlerhafter Lesung weiter machen sollte, ging ich zu den Gefährten des seligen Franziskus und zum Kloster der Jungfrauen Christi selber. Dabei überlegte ich mir oft, daß eigentlich nur Augenzeugen oder jene, die von solchen unterrichtet worden sind, von altersher Geschichte schreiben durften.

5. 
Solche, betone ich, setzten mich wahrheitsgetreu und gottesfürchtig in vollere Kenntnis. So sammelte ich gar manches, anderes mußte ich fallen lassen und schrieb es dann in leichtverständlicher Sprache nieder. Mit Freude werden die Jungfrauen die Großtaten der Jungfrau Klara lesen. Deshalb soll ihr unverbildeter Verstand keine vom Wortlaut verdunkelten Stellen darin finden. Die Männer sollen den Männern nachfolgen, den neuen Jüngern des menschgewordenen Wortes; die Frauen mögen Klara nachahmen, ein Nachbild der Mutter Gottes, eine neue Führerin der Frauen.

6. 
Euch aber, Heiliger Vater, bleibt die volle Gewalt, in dieser Legende zu verbessern, zu streichen und hinzuzufügen; so will ich es, in allem untertänig und einverstanden. Unser Herr Jesus Christus lasse es Euch wohlergehen, jetzt und in der Ewigkeit. Amen.

I. Buch

Kapitel I.

Ihre Abstammung

Kapitel II.

Wandel im Vaterhaus

Kapitel III.

Bekanntwerden und Freundschaft mit dem seligen Franziskus

Kapitel IV

Wie sie sich mit Hilfe des seligen Franziskus bekehrte und aus der Welt in den Orden überging

Kapitel V

Wie Klara, von Verwandten bestürmt, in unerschütterlicher Beharrlichkeit standhielt

Kapitel VI.

Der allerorts verbreitete Ruhm ihrer Tugenden

Kapitel VII.

Wie der Ruf ihrer Vortrefflichkeit auch in ferne Länder kam

Kapitel VIII.

Die heilige Demut

Kapitel XIX.

Die heilige und wahre Armut

Kapitel X.

Das Wunder der Brotvermehrung

Kapitel XI.

Das andere Wunder von dem von Gott gespendeten Öl

Kapitel XII.

Abtötung des Leibes

Kapitel XIII.

Übung heiligen Gebetes

Kapitel XIV.

Von Wunderwerken, die durch Klaras Gebet geschahen: Zuerst, wie die Sarazenen wunderbarerweise in die Flucht geschlagen wurden

Kapitel XV.

Noch ein anderes Wunder von der Befreiung der Stadt

Kapitel XVI.

Die Kraft ihres Gebetes bei der Bekehrung ihrer leiblichen Schwester

Kapitel XVII.

Ein anderes Wunder: Vertreibung böser Geister

Kapitel XVIII.

Klaras wunderbare Verehrung des Altarsakraments

Kapitel XIX.

Eine wahrhaft wunderbare Tröstung, die ihr der Herr in der Krankheit spendete

Kapitel XX.

Ihre überaus glühende Liebe zum Gekreuzigten

Kapitel XXI.

Ein Gedenken an das Leiden des Herrn

Kapitel XXII.

Verschiedene Wunder, die Klara im Zeichen und in der Kraft des Kreuzes wirkte

Kapitel XXIII.

Tägliche Unterweisung der Schwestern

Kapitel XXIV.

Klaras Eifer, gern das Wort heiliger Predigt zu hören

Kapitel XXV.

Klaras große Liebe zu ihren Schwestern

Kapitel XXVI.

Klaras Krankheiten und ihr langwieriges Siechtum

Kapitel XXVII.

Wie der Herr Papst Innozenz Klara in ihrer Krankheit besuchte, ihr die Absolution spendete und sie segnete

Kapitel XXVIII.

Was Klara ihrer weinenden leiblichen Schwester für eine Antwort gab

Kapitel XXIX.

Klaras Heimgang, und was man dabei alles tat und sah

Kapitel XXX.

Wie zum Begräbnis der Jungfrau Klara die römische Kurie mit der ganzen Bevölkerung zahlreich zusammenkam

II Buch

Kapitel XXXI.

Die Wunder der heiligen Klara nach ihrem Abschied von der Welt

Kapitel XXXII.

Befreiung von Besessenheit

Kapitel XXXIII.

Ein anderes Wunder

Kapitel XXXIV.

Heilung von Tobsucht

Kapitel XXXV.

Befreiung eines Mannes von der Fallsucht

Kapitel XXXVI.

Ein Blinder, der sehend wurde

Kapitel XXXVII.

Wiederherstellung einer zerschmetterten Hand

Kapitel XXXVIII.

Heilung von Krüppeln

Kapitel XXXIX.

Heilung von Halsgeschwulsten

Kapitel XL.

Befreiung von Wölfen

Kapitel XLI.

Heiligsprechung der heiligen Jungfrau Klara


Es beginnt das Leben der heiligen Klara
I. Buch


 Kapitel 1 
Ihre Abstammung

1. 
Die bewundernswerte Frau, Klara dem Namen und der Tugend nach, stammte aus einem vornehmen Geschlecht der Stadt Assisi. Dem seligen Franziskus war sie so zuerst Mitbürgerin auf Erden, bald darauf Mitherrscherin im Himmel. Ihr Vater war Ritter, und das ganze Geschlecht von Vater und Mutter her von ritterlicher Abstammung. Ihr Haus war sehr reich und groß ihr Vermögen, entsprechend den Verhältnissen des Landes. Ihre Mutter, Ortulana mit Namen, die im Garten der Kirche ein fruchtbringendes Reis hervorbringen sollte, war selbst außergewöhnlich reich an guten Früchten. So sehr sie auch ihrem ehelichen Gemahl ergeben war und häusliche Sorgen sie in Anspruch nahmen, oblag sie doch nach Kräften dem Dienste Gottes und den Werken der Frömmigkeit. Ja, sie fuhr mit Pilgern fromm übers Meer und durchwanderte jene Orte, die der Gottmensch mit seinen heiligen Spuren geweiht hatte. Schließlich kehrte sie voll Freude wieder zurück. Des Gebetes halber ging sie wiederholt zum heiligen Erzengel Michael und mit noch größerer Hingebung besuchte sie die Gräber der Apostel.

2. 
Wozu noch mehr Worte? „An der Frucht erkennt man den Baum“, und die Frucht erhält ihren Wert vom Baume her. Voraus ging die Fülle göttlicher Gnade an der Wurzel, damit an dem Zweiglein der überfließende Reichtum der Heiligkeit folge. Als nun gar die schwangere Frau, der Niederkunft nahe, vor dem Kreuz in der Kirche den Gekreuzigten inständig bat, er möge sie die Geburt gesund überstehen lassen, vernahm sie eine Stimme, die zu ihr sagte: „Frau, verzage nicht, du wirst ohne Gefahr ein Licht zur Welt bringen, das selbst das Licht an Helligkeit überstrahlen wird.“ Durch diese Verheißung belehrt, ließ sie dem neugeborenen Mädchen bei der Wiedergeburt durch die heilige Taufe den Namen Klara geben, in der Hoffnung, der strahlende Glanz des versprochenen Lichtes müsse sich gemäß dem Wohlgefallen des göttlichen Lichtes irgendwie erfüllen.

Kapitel II. 
Wandel im Vaterhaus

3. 
Bald trat das Mädchen Klara ans Licht. Schon frühzeitig fing es an, im Schatten der Welt zu leuchten und im zarten Alter durch rechtschaffenen Lebenswandel zu glänzen. Gelehrigen Herzens nahm sie aus dem Mund der Mutter die Anfangsgründe des Glaubens auf. Durch den Geist, der sie innerlich gleicherweise beseelte und formte, offenbarte sie sich wirklich als ganz reines Gefäß der Gnade. Gerne öffnete sie ihre Hände den Armen und half mit dem Überfluß ihres Hauses vielen in der Not. Damit ihr Opfer Gott um so wohlgefälliger sei, entzog sie ihrem eigenen schwachen Körper die feinen Gerichte und schickte sie heimlich durch Zwischenboten weg, um damit die Herzen der Waisen zu erquicken. So wuchs von Kindheit an mit ihr das Erbarmen, und sie trug ein mitfühlendes Herz, das sich des Elends der Unglücklichen erbarmte.

4. 
Heiliges Gebet war ihre Lieblingsbeschäftigung; dabei wurde sie des öfteren von großer Wonne erfüllt, so daß sie ersehnte, jungfräulich zu leben. Da sie keine Gebetsschnur hatte, um die Vaterunser aneinanderzureihen, zählte sie dem Herrn ihre Gebete mit einem Häufchen kleiner Steine. Sobald sie die ersten Antriebe heiliger Liebe zu fühlen begann, hielt sie den bunten Wechsel weltlichen Vergnügens nur der Verachtung wert. Die Salbung des Geistes hatte sie gelehrt, wertlose Dinge als wertlos einzuschätzen. Unter prächtigen, weichen Kleidern trug sie heimlich ein Bußgewand. Vor den Augen der Welt erschien sie schön nach außen, im Inneren aber hatte sie Christus angezogen. Als die Eltern sie adelig verheiraten wollten, ließ sie sich keineswegs herbei, sondern vertraute dem Herrn ihre Jungfräulichkeit an, nachdem sie eine irdische Heirat für immer ausgeschlagen hatte. So groß war schon im väterlichen Haus ihr Tugend- und Opferleben, so groß waren die Erstlingsopfergaben ihres Geistes, die Vorspiele ihrer Heiligkeit. Darum strömte ein Duft von Salböl von ihr aus wie aus einer Kammer mit Spezereien, auch wenn sie verschlossen ist. Die Nachbarn fingen allerdings an, die Nichtsahnende zu loben; und während der Leute wahres Reden ihre heimlichen Taten verriet, verbreitete sich der Ruf ihrer Herzensgüte im Volk.

Kapitel III
Bekanntwerden und Freundschaft mit dem seligen Franziskus

5. 
Als Klara den damals schon bekannten Namen Franziskus hörte, der wie ein neuer Mensch den in der Welt vergessenen Weg der Vollkommenheit mit neuen Tugenden wiederbelebte, sehnte sie sich, ihn alsbald zu hören und zu sehen. Dazu riet ihr der Vater der Geister, dessen Erstlingsgabe beide, wenn auch auf verschiedene Weise, empfangen hatten. Nicht weniger wünschte Franziskus, da auch zu ihm der gute Ruf des liebenswürdigen Mädchens gedrungen war, sie zu sehen und mit ihr zu reden, um, wenn irgendwie möglich, eine solch edle Beute der argen Welt abzujagen und sie seinem Herrn zu übergeben; war er doch ganz beutegierig gekommen, um das Reich der Welt zu entvölkern. Er besuchte sie und sie öfters ihn. Die Zeit ihrer Besuche richteten sie so ein, daß jene auf Gott hingerichtete Beschäftigung weder von Menschen wahrgenommen, noch durch öffentliches Gerede beanstandet werden konnte. Nur eine einzige vertraute Gefährtin begleitete das Mädchen, wenn es aus dem väterlichen Haus fortging, um mit dem Manne Gottes heimlich zusammenzukommen, dessen flammende Worte und Taten ihr übermenschlich erschienen. Vater Franziskus ermunterte sie zur Weltverachtung; legte ihr lebhaft dar, wie töricht irdische Hoffnung, wie trügerisch irdischer Schein sei; er vertraute ihr an, wie beseligend die Vermählung mit Christus sei, und legte ihr nahe, die Perle jungfräulicher Keuschheit jenem herrlichen Bräutigam, den die Liebe Mensch werden ließ, zu bewahren.

6. 
Was halte ich mich noch mit vielen Worten auf? Auf das inständige Bitten des heiligsten Vaters und sein eifriges Bemühen nach Art eines geschickt handelnden Brautwerbers hin zog die Jungfrau ihre Zustimmung nicht mehr in die Länge. Auf der Stelle öffnete sich ihr Blick in die ewigen Freuden, bei deren Betrachtung die Welt von selbst wertlos wurde; sie verging vor Sehnsucht nach ihnen und begehrte aus Liebe zu ihnen nach der himmlischen Hochzeit. Denn vom himmlischen Feuer entzündet, wies sie den Prunk irdischer Eitelkeit so weit von sich, daß nichts mehr vom Beifall der Welt ihre Liebe berühren konnte. Auch vor den Lockungen des Fleisches schreckte sie zurück; schon nahm sie sich vor, sich fernzuhalten von einem Ehebett in Schuld. Gott allein wollte sie aus ihrem Leib ein Heiligtum errichten, eifrig bestrebt, sich der Vermählung mit dem großen König durch Tugend würdig zu machen. Und damals sie vertraute sich ganz dem Rat von Franziskus an und bestellte ihn nächst Gott zum Lenker des von ihr eingeschlagenen Kurses. Seitdem hing ihre Seele an seinen Ermahnungen, und was immer er von Jesus vorbrachte, nahm sie mit glühender Seele auf. Nur ungern trug sie die Zier weltlichen Schmuckes. Wie Kehricht erschien ihr alles, was den Beifall der Welt findet, nur damit sie Christus gewinnen könnte.

Kapitel IV
Wie sie sich mit Hilfe des seligen Franziskus bekehrte 
und aus der Welt in den Orden überging

7. 
Sogleich beeilte sich der fromme Vater, Klara aus der in Dunkelheit gehüllten Welt herauszuführen, damit der Spiegel ihrer reinen Seele nicht fernerhin vom Erdenstaub getrübt oder ihre zarte Jugend der Ansteckung weltlichen Wandels noch länger ausgesetzt werde. Es stand der Palmsonntag bevor. Da begab sich das Mädchen mit glühendem Herzen zum Manne Gottes, um sich über ihre Bekehrung6 zu erkundigen, was zu tun sei und wie sie vor sich gehe. Vater Franziskus hieß sie am Festtag fein gekleidet und geschmückt mit dem übrigen Volk gehen, um die Palme zu empfangen. In der folgenden Nacht sollte sie das Lager verlassen6 und die weltliche Freude in Trauer über das Leiden des Herrn verwandeln. Als der Sonntag kam, betrat Klara mit den anderen die Kirche, strahlend in festlichem Glanz in der Schar der Frauen. Dort geschah ein bedeutsames Vorzeichen. Während die anderen Leute sich zu den Palmzweigen hindrängten, blieb Klara aus Scheu unbeweglich auf ihrem Platz. Da stieg der Bischof die Stufen herab, ging zu ihr hin und legte ihr die Palme in die Hand. In der folgenden Nacht rüstete sie sich auf Geheiß des Heiligen und unternahm in ehrbarer Begleitung6 die ersehnte Flucht. Da sie zur gewöhnlichen Tür nicht hinausgehen wollte, öffnete sie mit staunenswerter Kraft eigenhändig einen anderen, mit Holz und Steinblöcken versperrten Ausgang.

8. 
Sie verließ also Haus, Stadt und Verwandte und eilte nach Sankt Maria von Portiunkula. Dort empfingen die Brüder, die am kleinen Altar Gottes heilige Wache hielten, die Jungfrau Klara mit brennenden Lichtern. Bald warf sie dort den Schmutz Babylons von sich und gab der Welt den Scheidebrief. Dort legte sie durch der Brüder Hand ihr Haupthaar ab und verzichtete auf ihren mannigfaltigen Schmuck. Nirgendwo anders durfte der Orden der aufblühenden Jungfrauschaft errichtet werden als im Kirchlein derer, die als erste und würdigste von allen allein Mutter und Jungfrau zugleich war. Dies ist jener Ort, an dem die neue Heerschar der Armen unter der Führung von Franziskus ihren glücklichen Anfang nahm; klar scheint es daher, daß die Mutter der Barmherzigkeit beide Orden in ihrer Herberge zur Welt bringen wollte. Als Klara vor dem Altar der seligen Maria die Abzeichen heiliger Buße empfangen und gleichsam vor dem Brautgemach dieser Jungfrau als demütige Magd sich Christus vermählt hatte, führte sie der heilige Franziskus sofort zur Kirche S. Paolo, wo sie bleiben sollte, bis der Höchste für etwas anderes sorgen würde.

Kapitel V
Wie Klara, von Verwandten bestürmt, in unerschütterlicher 
Beharrlichkeit standhielt

9. 
Als aber die Kunde hiervon die Verwandten ereilte, verdammten sie blutenden Herzens Vorgehen und Entschluß der Jungfrau. Sie rotteten sich zusammen, eilten an den Ort und versuchten in ihre Gewalt zu bringen, was sie nicht mehr festhalten konnten. Stürmische Gewalt, giftige Ratschläge, schmeichlerische Versprechungen wandten sie an; sie redeten Klara zu, von solch schimpflicher Preisgabe abzustehen, die weder ihrem Geschlecht zieme, noch ein Beispiel im Umkreis habe. Klara aber ergreift das Altartuch, entblößt ihr geschorenes Haupt, fest entschlossen, sich unter keinen Umständen mehr vom Dienste Christi wegreißen zu lassen. Es wuchs ihr Mut mit dem wachsenden Streit ihrer Verwandten, und ihre vom Unrecht herausgeforderte Liebe steigerte ihre Kräfte. So verlor sie nicht den Mut, noch ließ ihre Begeisterung nach, während sie tagelang auf dem Weg des Herrn dem Hindernis trotzte und ihre Verwandten sich dem Vorhaben ihrer Heiligkeit widersetzten. Vielmehr erneuerte sie inmitten der gehässigen Reden so lange ihre Hoffnung in sich, bis die Verwandten sich für besiegt hielten und Ruhe gaben.
. Nach einigen Tagen ging sie zur Kirche S. Angelo de Panzo hinüber. Weil aber dort ihre Seele nicht vollkommen zur Ruhe kam, zog sie auf den Rat des seligen Franziskus zuletzt zur Kirche S. Damiano. Dort warf sie gleichsam den Anker ihrer Seele auf sicheren Grund; sie schwankte ferner nicht mehr hin und her im Wechsel ihres Aufenthaltes, noch hatte sie Bedenken ob der Einschränkung, auch schreckte sie vor der Einsamkeit nicht zurück. Das ist jene Kirche, bei deren Wiederaufbau Franziskus mit heiliger Begeisterung sich abmühte und dem Priester der Kirche Geld zur Wiederherstellung des Bauwerkes angeboten hatte. Das ist jene Kirche, in der der betende Franziskus eine Stimme vom Holz des Kreuzes her vernahm: „Franziskus, geh hin, stelle mein Haus wieder her, das, wie du siehst, ganz verfällt.“ In den Kerker dieses winzigen Ortes schloß sich die Jungfrau Klara um der Liebe zum himmlischen Bräutigam willen ein. Hier verbarg sie sich vor dem Ansturm der Welt und kerkerte ihren Leib ein, so lange sie lebte. In der Höhlung dieses Felsens nistete die silberglänzende Taube, gebar sie die Gemeinschaft der Jungfrauen Christi, errichtete sie ein heiliges Kloster und legte den Grund zum Orden der Armen Frauen. Hier rieb sie auf dem Weg der Buße nach und nach die Kräfte ihres Leibes auf, hier säte sie das Samenkorn vollkommener Gerechtigkeit, hier wies sie durch ihr eigenes Vorausschreiten den Nachfolgerinnen den Weg. In dieser engen Einsiedelei zerbrach sie in zweiundvierzig langen Jahren mit der Geißel der Zucht das Alabastergefäß ihres Leibes, so daß das Haus der Kirche vom Duft der Salben erfüllt wurde. Wie ruhmvoll sie dort gewandelt ist, wird nur dann offenbar werden, wenn man zuerst erzählt, wie viele und wie ausgezeichnete Seelen es waren, die durch sie zu Christus kamen.

Kapitel VI. 
Der allerorts verbreitete Ruhm ihrer Tugenden

10. 
Es dauerte nicht lange, da verbreitete sich der Ruf von der Heiligkeit der Jungfrau Klara über die benachbarten Gegenden, und von allen Seiten gingen Frauen dem Duft ihrer Salben nach. Jungfrauen beeilen sich, nach ihrem Beispiel für Christus zu bewahren, was sie sind; Verheiratete bemühen sich, noch keuscher zu leben; Adelige und Vornehme verachten ihre prächtigen Paläste und errichten sich arme Klöster. Für Christus in Sack und Asche zu leben, halten sie für große Ehre. Nicht weniger wurde die Begeisterung der jungen Männer zu lauterem Wettstreit angefeuert, hingerissen durch heldenmütiges Beispiel des „schwachen“ Geschlechtes, das Blendwerk des Fleisches zu verachten. Mehrere schließlich, durch die Ehe gebunden, verpflichteten sich mit gegenseitiger Zustimmung zum Gesetz der Enthaltsamkeit: die Männer traten in Orden ein, die Frauen in Klöster. Die Mutter lud die Tochter, die Tochter die Mutter zur Christusnachfolge ein; die Schwester begeisterte dazu ihre Schwestern, die Tante ihre Nichten. Alle begehrten in nacheiferndem Verlange, Christus zu dienen. Alle wünschten, an diesem engelgleichen Leben, das durch Klara erstrahlte, teilnehmen zu können. Von Klaras Ruf begeistert, bemühten sich zahllose Jungfrauen, im Vaterhaus ohne Regel klösterlich zu leben, da sie nicht in der Lage waren, in ein Kloster zu gehen. So viele Sprößlinge des Heiles gebar Klara als Jungfrau durch ihr Beispiel, daß sich an ihr jenes Prophetenwort zu erfüllen schien: „Zahlreicher werden sein die Kinder der Vereinsamten als die der Vermählten."

Kapitel VII.
Wie der Ruf ihrer Vortrefflichkeit auch in ferne Länder kam

11. 
Damit aber nicht inzwischen der im Spoletotal entsprungene Quell dieses Segens auf ein enges Gebiet eingedämmt werde, ward er durch die göttliche Vorsehung zu einem Strom weggeleitet, auf daß dessen Wogenschwall die Stadt erfreue, ja, die ganze Kirche. Denn das Unerhörte solcher Vorgänge drang weit und breit in die Welt hinaus und begann überall Seelen für Christus zu gewinnen. Obwohl Klara eingeschlossen blieb, begann sie dennoch der ganzen Welt zu erstrahlen und erglänzte herrlich in Anerkennung und Lob. Der Ruf ihrer Vollkommenheit erfüllte die Zimmer vornehmer Frauen, erreichte die Paläste von Herzoginnen, ja drang sogar hinein bis in die innersten Gemächer von Königinnen. Der höchste Adel beugte sich herab, ihren Spuren zu folgen und sie, ein Sprößling stolzen Blutes, verleugnete sich in ihrer heiligen Demut. Manche Herzoginnen und Königinnen, zur Ehe berufen, taten strenge Buße, von Klaras Vorbild ermuntert; und die, die einen Mächtigen geheiratet hatten, ahmten Klara in ihrer Weise nach. In zahllosen Städten wurden Klöster errichtet, aber auch auf dem flachen Land und auf Bergeshöhen entstanden solche himmlischen Bauten. Die Pflege der Keuschheit vervielfältigte sich in der Welt; durch das Beispiel der heiligen Klara wird der wieder zum Leben erweckte jungfräuliche Stand in den Mittelpunkt gerufen. Durch diese herrlichen Blüten, die Klara hervortrieb, grünt heute glückselig die Kirche im Frühlings-schmuck, durch die sie sich selbst erquickt wissen will, wenn sie sagt: „Erquicket mich mit Blüten, labet mich mit Äpfeln, denn krank bin ich vor Liebe.“ Nun aber soll die Feder zum Thema zurückkehren, damit bekannt wird, was für ein Ordensleben Klara führte.


Kapitel VIII.
Die heilige Demut

12. 
Klara, der Grundstein und das vortreffliche Fundament ihres Ordens, war von allem Anfang an bemüht, auf dem Fundament der heiligen Demut den Bau aller Tugenden zu errichten. Dem seligen Franziskus gelobte sie heiligen Gehorsam und wich nicht im geringsten von ihrem Versprechen ab. Drei Jahre nach ihrer Bekehrung lehnte sie Namen und Amt der Äbtissin ab und wollte lieber demütig untertan sein, als an der Spitze stehen, unter den Mägden Christi lieber dienen, als bedient werden. Doch auf das Drängen des heiligen Franziskus hin übernahm sie schließlich die Leitung der Frauen. Darob entsprang in ihrem Herzen Furcht, nicht Stolz; so mehrte sich nicht die Machtvollkommenheit, sondern die Dienstbarkeit. Je höher sie nämlich in den Augen der anderen an äußerer Würde stand, desto geringer schätzte sie sich selber ein, desto bereitwilliger zeigte sie sich zum Dienst an den anderen, desto schlichter war sie in ihrer Lebensweise. Keinen Magddienst wies sie zurück. Das ging so weit, daß sie meistens den Schwestern das Wasser auf die Hände goß, sich zu den Sitzenden hinstellte, beim Essen die Schwestern bediente. Nur sehr ungern gab sie einen Befehl; ja, freiwillig griff sie selbst zu, da sie lieber persönlich zugreifen als den Schwestern befehlen wollte. Selbst die Sitze der Kranken wusch sie ab; sie reinigte sie selbst in ihrer edlen Gesinnung, mied nicht den Schmutz, noch schreckte sie vor üblem Geruch zurück. Des öfteren wusch sie den Schwestern, die außerhalb dienten, wenn sie zurückkehrten, die Füße und küßte sie nach dem Waschen. Einmal wusch sie einer Dienstschwester die Füße und beeilte sich, sie zu küssen. Jene aber zog, da sie solche Demut nicht ertrug, den Fuß weg und stieß dabei ihre Herrin mit dem Fuß an den Mund. Klara nahm den Fuß der Schwester sachte zurück und drückte auf die Fußsohle einen kräftigen Kuß.


Kapitel IX.
Die heilige und wahre Armut 

13. 
Mit der Armut im Geiste, die wahre Demut ist, stimmte bei Klara die Armut im Materiellen überein. Daher ließ sie am Anfang ihrer Bekehrung zuerst ihr väterliches Erbe, das ihr zustand, veräußern. Für sich behielt sie nichts von dem Erlös zurück, alles teilte sie den Armen aus. Nachdem sie von jetzt an die Welt draußen verlassen hatte, im Inneren des Herzens aber reich geworden war, eilte sie frei, ohne Geldtasche, Christus nach. Schließlich schloß sie einen solch innigen Bund mit der heiligen Armut und liebte sie so sehr, daß sie nichts haben wollte außer den Herrn Jesus Christus und auch ihren Töchtern nichts zu besitzen erlaubte. Sie glaubte, man könne in keiner Weise die kostbarste Perle himmlischer Sehnsucht, die sie sich mit dem Verkauf all ihrer Güter erworben hatte, besitzen zusammen mit der nagenden Sorge um irdisches Gut. Immer wieder schärfte sie in wiederholtem Gespräch den Schwestern ein, nur dann werde eine Gemeinschaft Gott wohlgefällig sein, wenn sie an Armut reich sei. Nur dann werde sie Bestand haben, wenn sie stets durch den Turm der höchsten Armut gefestigt sei. Sie mahnte ihre Schwestern, im kleinen Nest der Armut dem armen Christus gleichförmig zu werden, ihm, den seine Mutter in die enge Krippe legte. Dieses besondere Erinnerungszeichen, gleichsam ein goldenes Juwel, heftete sie an ihre Brust, damit kein Erdenstaub mehr in ihr Inneres dringe.

14. 
Da sie ihren Orden mit dem Ehrentitel der Armut benennen lassen wollte, erbat sie von Papst Innozenz III. seligen Andenkens das Privileg der Armut. Dieser hochherzige Mann beglückwünschte Klara zu solch glühendem Eifer und sagte, ihr Vorhaben sei einzigartig. Noch niemals sei ein solches Privileg vom Apostolischen Stuhl erbeten worden. Um der außergewöhnlichen Bitte mit außergewöhnlicher Huld entgegenzukommen, schrieb der Papst eigenhändig mit großer Freude den ersten Entwurf zu dem erbetenen Privileg. Der Herr Papst Gregor seligen Andenkens, ein Mann, ebenso würdig des päpstlichen Thrones wie wegen seiner Verdienste, liebte diese Heilige mit väterlicher Zuneigung noch inniger. Als er ihr zuredete, sie solle ob der Zeitläufte und Weltgefahren ihre Zustimmung geben, einige Besitzungen zu haben, die er ihr selbst freigebig anbot, widerstand sie mit unerschrockenem Mut und ließ sich nicht im geringsten dazu herbei. Da antwortete ihr der Papst: „Wenn du wegen des Gelübdes fürchtest, so entbinden Wir dich davon.“ Sie aber sprach: „Heiliger Vater, auf gar keine Weise will ich in Ewigkeit von der Nachfolge Christi befreit werden.“Almosenreste und Brotstückchen, die die Almosensammler zusammentrugen, nahm sie besonders fröhlich an und, beinahe traurig über ganze Brote, freute sie sich um so mehr über Brotreste. Wozu noch viele Worte? Klara war es ernst, dem armen Gekreuzigten gleichförmig zu werden, damit kein vergängliches Ding die Liebende vom Geliebten trenne oder ihren Lauf in Verein mit dem Herrn behindere. Siehe, es ereigneten sich zwei Wunder, die die Liebhaberin der Armut zu wirken verdiente.


Kapitel X.
Das Wunder der Brotvermehrung

15. 
Ein einziges Brot war nur noch im Kloster, als der Hunger und die Zeit zum Essen vor der Türe standen. Der herbeigerufenen Verteilerin befahl die Heilige, das Brot zu teilen, den einen Teil den Brüdern zu schicken, den anderen für die Schwestern zu behalten. Von der zurückbehaltenen Hälfte ließ sie gemäß der Anzahl der Frauen fünfzig Stücke schneiden und ihnen auf den Tisch der Armut legen. Da gab die fromme Tochter zur Antwort: „Hier wären die früheren Wunder Christi nötig, um von diesem so kleinen Brot fünfzig Teile zu erhalten.“ Darauf erwiderte die Mutter und sprach: „Meine Tochter, tu unbekümmert, was ich sage!“ Die Tochter beeilte sich, der Mutter Auftrag zu erfüllen. Die Mutter aber beeilte sich, fromme Seufzer zu ihrem Herrn Jesus Christus für ihre Töchter zu entsenden. Da mehrte sich durch göttliche Freigebigkeit jenes kleine Brot in der Hand der austeilenden Schwester und alle in der Klostergemeinde bekamen ein reichliches Stück Brot.


Kapitel XI.
Das andere Wunder von dem von Gott gespendeten Öl

16. 
Eines Tages ging den Mägden Christi das Öl völlig aus, so daß nicht einmal für die Kranken etwas zum Würzen vorhanden war. Frau Klara, die Lehrmeisterin der Demut, nahm ein Gefäß und wusch es mit eigener Hand; sie stellte das leere Gefäß abseits, damit es der Bruder Almosensammler nehme. Der Bruder wurde gerufen, er solle Öl betteln gehen. Der treuergebene Bruder beeilte sich, solcher Not Abhilfe zu schaffen, und lief eiligst, das Gefäß zu holen. „Es kommt aber nicht auf das Wollen, noch auf das Laufen an, sondern auf Gottes Erbarmen.“. Denn allein durch Gottes Wirken fand man das Gefäß mit Öl gefüllt. Das Gebet der heiligen Klara war der Dienstbeflissenheit des Bruders zuvorgekommen, den armen Töchtern zum Trost. Der genannte Bruder aber glaubte, man habe ihn umsonst gerufen und sagte zu sich: „Diese Frauen halten mich zum besten, denn siehe, das Gefäß steht ganz gefüllt da!"


Kapitel XII.
Abtötung des Leibes

17. 
Man sollte vielleicht über Klaras bewundernswerte Abtötung des Leibes lieber schweigen als reden, da sie Taten vollbrachte, bei denen die erstaunten Zuhörer an deren Wirklichkeit Zweifel bekommen könnten. Nicht das war das Große, daß sie ein einfaches Kleid und einen schäbigen Mantel aus rauhem Tuch trug, der ihren zarten Körper nur zudeckte, kaum aber warm hielt. Auch das war nicht erstaunlich, daß sie den Gebrauch von Fußbekleidung überhaupt nicht kannte. Nicht das war das Große, daß sie zu jeder Zeit fastete und immer ein Bett ohne Federn benützte. In all diesen Dingen nämlich verdiente sie vielleicht gar kein besonderes Lob, da auch die übrigen Schwestern in ihrem Kloster ein Ähnliches taten. Aber was soll man dazu sagen, daß sie auf ihrem jungfräulichen Körper ein Kleid aus Schweinehaut trug? Die heilige Jungfrau hatte sich nämlich ein Kleid aus Schweinehaut besorgt, das sie, mit den rauhen Borsten gegen das Fleisch gewendet, heimlich unter dem Gewand trug. Zuweilen benützte sie auch ein hartes, aus Roßhaaren knotig geflochtenes Bußkleid, das sie hie und da mit rauhen Stricken an den Körper schnürte. Dieses Bußgewand lieh sie einer ihrer Töchter, die darum bat; sie zog es an und spürte sogleich dessen Rauheit so arg, daß sie nach drei Tagen schneller darauf verzichtete, als sie es freudig erbeten hatte. Der blanke Boden und bisweilen Reisig von Weinstöcken waren ihr Lager. Ein hartes Holz diente ihrem Haupt als Kopfkissen. Mit der Zeit aber legte sie für ihren entkräfteten Körper eine Matte hin und bewilligte für ihr Haupt milde ein wenig Stroh. Nachdem ihren so streng behandelten Körper eine langwierige Krankheit zu befallen begann, benützte sie auf Geheiß des seligen Franziskus einen Strohsack.

18. 
Ferner war im Fasten die Härte ihrer Abtötung so groß, daß sie von der kargen Labung, die sie nahm, kaum körperlich hätte leben können, wenn nicht eine andere Kraft sie aufrechtgehalten hätte. Ja, in gesunden Jahren fastete sie in der großen Fastenzeit und zum Martinifasten bei Wasser und Brot. Nur an Sonntagen kostete sie vom Wein, wenn sie ihn hatte. Und, damit du bestaunst, lieber Leser, was du nicht nachahmen kannst: an drei Tagen in der Woche, nämlich am Montag, Mittwoch und Freitag, nahm sie in jenen Fastenzeiten überhaupt keine Speise zu sich. So folgten abwechselnd Tage kärglicher Stärkung und Tage vollendeter Abtötung aufeinander, so daß gleichsam eine Vigil mit vollkommenem Fasten von einem Fest, bei dem es Wasser und Brot gab, abgelöst wurde. Es ist nicht verwunderlich, wenn Klara sich durch eine so lange Zeit eingehaltene Strenge Krankheiten zuzog, wenn sie ihre Kräfte verzehrte, wenn sie die Lebenskraft ihres Körpers schwächte. Deshalb litten mit der heiligen Mutter die treu ergebenen Töchter und beweinten jenen vielfachen Tod, den sie täglich freiwillig auf sich nahm. Schließlich verboten der selige Franziskus und der Bischof von Assisi der heiligen Klara jenes lebensgefährliche dreitägige Fasten und befahlen ihr, keinen Tag vorübergehen zu lassen, ohne wenigstens anderthalb Unzen Brot als Nahrung zu sich zu nehmen. Wenn sonst schwere körperliche Qual gewöhnlich auch seelische Qual erzeugt, so trat bei Klara ganz anderes zutage: Sie bewahrte bei all ihrer Abtötung eine fröhliche, heitere Miene, so daß sie körperliche Bedrängnis entweder nicht zu spüren oder sie zu belächeln schien. Daraus ist klar zu ersehen, daß die heilige Freude, von der sie innerlich überströmte, nach außen überfloß; denn die Liebe des Herzens erleichtert die Züchtigung des Leibes.


Kapitel XIII.
Übung heiligen Gebetes

19. 
Und wie sie dem Fleische nach schon vor dem Tod gestorben war, so war sie der Welt gänzlich entfremdet. Ständig beschäftigte ihre Seele sich mit heiligen Gebeten und göttlichen Lobpreisungen. Den glühenden Blick ihrer inneren Sehnsucht hatte sie schon fest auf das Licht hin gerichtet; da sie den Bereich der wandelbaren irdischen Dinge überschritten hatte, öffnete sie ihr Herz um so weiter dem Strom der Gnaden. Noch lange Zeit betete sie nach der Komplet mit den Schwestern und rührte, wie sie selbst in Tränen ausbrach, auch die übrigen zu Tränen. Nachdem jedoch die anderen Schwestern darangingen, ihre müden Glieder auf hartem Lager neu zu stärken, harrte sie selbst, stets wachsam und unerschütterlich, im Gebete aus, damit sie heimlich den Inhalt des göttlichen Flüsterns erlausche, wenn tiefer Schlaf die anderen überkommen hatte. Sehr oft warf sie sich zum Gebet auf ihr Antlitz nieder, benetzte den Boden mit Tränen und liebkoste ihn mit Küssen, so daß es schien, als halte sie stets ihren Jesus in Händen, auf dessen Füße sie jene Tränen fließen ließ und ihre Küsse aufdrückte. Als sie einmal tief in der Nacht weinte, stand neben ihr der Engel der Finsternis in Gestalt eines schwarzen Knäbleins, redete ihr zu und sprach: „Weine nicht so, denn sonst wird du blind!“ Als sie aber auf der Stelle zur Antwort gab: „Der wird nicht erblinden, der Gott schaut“, zog jener verwirrt ab. In der gleichen Nacht, als Klara nach der Matutin, wie gewöhnlich von Tränen überströmt, betete, kam der betrügerische Warner abermals und sagte: „Weine nicht so viel, damit du nicht dein nach so langer Zeit erweichtes Hirn durch die Nase herausschneuzest; und außerdem wirst du noch eine krumme Nase bekommen.“ Da erwiderte sie ihm schnell: „Dem wird nichts gekrümmt, der Gott dient.“

20. 
Welche Festigung ihrer selbst Klara im Glutofen glühenden Gebetes empfing, wie sehr ihr die göttliche Güte bei jenem Genuß süß wurde, bezeugen einfache Aussagen. Wenn sie nämlich vom heiligen Gebet zurückkehrte, brachte sie vom Feuer des Altares des Herrn glühende Worte mit, die auch die Herzen der Schwestern entflammten. Diese wunderten sich, daß solche Süße aus ihrem Mund komme und ihr Gesicht noch heller strahlte als sonst. Gewiß hatte Gott in seiner Güte für die Arme gesorgt und ließ ihre Seele, die im Gebet vom wahren Licht erfüllt war, auch in ihrem Leib sich widerspiegeln. So war sie in der wankelmütigen Welt ihrem edlen Bräutigam nicht wankelmütig verbunden und fand fortwährend ihre Wonne in himmlischen Dingen. Derart in dem sich drehenden Kreislauf (der Zeit) durch unwandelbare Tugend gestützt und in zerbrechlichem Gefäß den Schatz der Glorie bergend, weilte sie dem Leibe nach auf Erden, dem Geiste nach im Himmel. Sie hatte die Gewohnheit, zur Matutin ihren jungen Schwestern zuvorzukommen, die sie schweigend durch ein Zeichen weckte und zum Lobgebet rief. Oft, wenn die anderen noch schliefen, zündete sie die Lichter an, oft läutete sie selbst mit eigener Hand die Glocke. Es gab in ihrem Kloster keinen Platz für Lauheit, keinen Platz für Trägheit, wo ermutigende Anregung die Unlust zu beten und Gott zu dienen anspornte.


Kapitel XIV.
Von Wunderwerken, die durch Klaras Gebet geschahen:
Zuerst, wie die Sarazenen wunderbarerweise in die Flucht geschlagen wurden

21. 
Hier sollen wahrheitsgetreu die Großtaten ihrer Gebete erzählt werden; denn so sind sie auch höchst verehrungswürdig. In jenem Sturm, den die Kirche unter Kaiser Friedrich in verschiedenen Teilen der Welt ertragen mußte, bekam das Spoletotal häufiger den Becher des Zornes zu trinken. Dort lagerten auf kaiserlichen Befehl Scharen von Kriegsvolk und sarazenischen Bogenschützen gleich Bienenschwärmen, um Festungen zu zerstören und Städte zu erobern. Als die Feinde in ihrer Wut sich einmal auf Assisi, die Stadt, die der Herr besonders liebte, stürzten und das Heer sich sogar schon den Stadttoren näherte, drangen die Sarazenen, ein schlimmes Volk, das nach dem Blut der Christen dürstet und jeglichen Frevel schamlos wagt, bei S. Damiano in die Gemarkungen des Ortes ein, ja sogar in das Kloster der Jungfrauen selbst. Die Frauen vergingen vor Angst, ihre Stimmen erzitterten vor Furcht, und sie brachten ihr Wehklagen zur Mutter hin. Sie aber, die krank darniederlag, ließ sich furchtlos zur Türe führen, vor die Feinde hinlegen und vor sich her ein silbernes, innen mit Elfenbein ausgelegtes Kästchen tragen, in dem der Leib des Heiligen der Heiligen andächtigst verehrt wurde.

22. 
Als Klara sich im Gebet Christus, ihrem Herrn, ganz und gar anheimgegeben hatte, sprach sie unter Tränen: „Willst du, mein Herr, deine wehrlosen Mägde, die ich mit deiner Liebe aufgezogen habe, den Händen der Heiden überliefern? Beschirme, Herr, ich bitte dich, diese deine Dienerinnen, die ich eben jetzt nicht mehr beschützen kann.“ Bald hörte sie vom neuen Gnadenthron her eine Stimme wie die eines Knäbleins an ihr Ohr dringen: „Ich werde euch immer behüten.“ „Mein Herr“, sprach sie weiter, „und wenn es dir gefällt, so schütze auch diese Stadt, die uns um deiner Liebe willen ernährt.“ Und Christus antwortete ihr: „Schwere Heimsuchungen wird sie bestehen müssen, aber durch meinen Schutz wird sie sich behaupten.“ Da erhob die Jungfrau ihr tränenvolles Antlitz und stärkte die weinenden Schwestern, indem sie sagte: „Im Glauben beschwöre ich euch, meine Töchter, kein Leid wird uns geschehen, vertraut nur auf Christus!“ Siehe, ohne Verzug, sogleich war der Verwegenheit jener Hunde eine Schranke gesetzt, und sie zitterten. Schleunigst flohen sie über die Mauern, die sie bestiegen hatten, und mußten der Macht der Beterin weichen. Sogleich verbot Klara jenen, die die erwähnte Stimme gehört hatten, folgendes, indem sie in strengem Ton sagte: „Hütet euch auf jegliche Weise, liebste Töchter, mit jemandem, solange ich lebe, über jene Stimme zu sprechen!“


Kapitel XV.
Noch ein anderes Wunder von der Befreiung der Stadt

23. 
Zu einer anderen Zeit führte Vitalis von Aversa, ein ehrgeiziger und im Kampf beherzter Mann, das kaiserliche Heer, in dem er Hauptmann war, gegen Assisi heran. Er ließ im Lande alle Bäume fällen, verwüstete die ganze Umgebung und schickte sich dann an, die Stadt zu belagern. Mit drohenden Worten versicherte er, keinesfalls von dort zu weichen, bis er nicht die Stadt selbst in seiner Hand hätte. Und schon war es so weit gekommen, daß man binnen kurzem für die Stadt das Äußerste befürchten mußte. Als Klara, die Magd Christi, das hörte, seufzte sie tief, rief ihre Schwestern zu sich und sprach: „Von dieser Stadt, liebste Schwestern, haben wir täglich viel Gutes empfangen. Sehr unrecht wäre es, ihr nicht zur rechten Zeit, soviel wir können, zu Hilfe zu eilen.“ Klara ließ Asche herbeibringen und die Schwestern das Haupt entblößen. Nun bestreute sie zuerst ihr eigenes enthülltes Haupt mit viel Asche; dann legte sie die Asche auf der Schwestern Haupt und sprach: „Auf zu unserem Herrn! Erbittet mit ganzer Hingebung die Befreiung der Stadt!“ Was soll ich die Tränen der Jungfrauen, was ihre ungestümen Bitten wiederholen? Der barmherzige Gott schuf am folgenden Morgen mit der Versuchung auch den guten Ausgang: Das ganze Heer löste sich auf und der stolze Mensch mußte abziehen, ohne sein Drohen verwirklicht zu haben. Er belästigte fernerhin jenes Land nicht mehr. Er selbst, der Anführer des Krieges, kam bald darauf um durch das Schwert.


Kapitel XVI.
Die Kraft ihres Gebetes bei der Bekehrung ihrer leiblichen Schwester

24. 
Wahrlich, auch jene wunderbare Kraft ihres Gebetes darf nicht mit Stillschweigen übergangen werden, die gerade am Anfang ihrer Bekehrung eine Seele zu Gott hinführte und die Bekehrte in Schutz nahm. Sie hatte nämlich eine Schwester, durch Geburt und Reinheit, die in zartem Alter war. Klara ersehnte ihre Bekehrung und erflehte unter den Erstlingen ihrer Gebete, die sie voller Inbrunst vor Gott brachte, vor allem dies: Wie sie nämlich in der Welt ein Herz und eine Seele waren, so erbat sie jetzt mit noch größerer Eindringlichkeit, es möge ein gemeinsamer Wille nunmehr beide im Dienste Gottes beseelen. Inständig bat sie also den Vater der Erbarmungen, die Welt möge ihrer Schwester Agnes, die sie im Vaterhaus zurückgelassen hatte, nichtig erscheinen. Gott allein möge sie beglücken und sie von der Absicht einer irdischen Hochzeit weg zur Vereinigung mit seiner Liebe lenken, damit sie sich gemeinsam mit ihr in ewiger Jungfräulichkeit dem Bräutigam der Herrlichkeit vermähle. Eine wunderbare Liebe hatte nämlich beide beseelt, die die unerhörte Trennung beiden schmerzlich gemacht hatte, wenn auch ihre Gefühle sehr verschieden waren. Schnell erhörte die göttliche Majestät die hervorragende Beterin und gewährte ihr jenes erste Geschenk, um das sie vornehmlich gefleht hatte, und das zu gewähren Gott noch mehr freute. Denn nach sechzehn Tagen, von Klaras Bekehrung an gerechnet, eilte Agnes, vom Geiste Gottes angerührt, zur Schwester und teilte ihr das Herzensgeheimnis ihres Entschlusses mit. Sie sagte, sie wolle Gott voll und ganz dienen. Und jene umarmte sie voll Freude und sprach: „Ich danke Gott, liebste Schwester, daß er mich erhört hat, denn ich war voller Sorge um dich.“

25. 
Auf die wunderbare Bekehrung folgte eine wahrhaft bewundernswerte Rechtfertigung. Während nämlich die glücklichen Schwestern bei der Kirche S. Angelo de Panzo Christi Fußspuren nachfolgten und Klara, die schon größere Fortschritte zum Herrn gemacht hatte, ihre Novizin und leibliche Schwester unterrichtete, entbrannten plötzlich gegen die jungen Frauen neue Anfeindungen von seiten der Verwandten. Denn als sie hörten, Agnes sei zu Klara gegangen, eilten am folgenden Tag zwölf wutentbrannte Männer zu der Niederlassung, ließen nach außen nichts von ihrer geplanten Bosheit merken und schützten vor, friedlich hineingehen zu wollen. Bald wandten sie sich an Agnes, denn an Klara hatten sie schon vorher verzweifelt, und sprachen: „Wie bist du in diese Niederlassung gekommen? Beeile dich, so schnell wie möglich mit uns nach Hause zurückzukehren!“ Als sie erwiderte, sie wolle sich nicht von ihrer Schwester Klara trennen, stürzte sich ein Ritter voll Wut auf sie und versuchte, Faustschläge und Fußtritte nicht sparend, sie an den Haaren fort-zuschleppen, wobei die anderen sie vorwärtsstießen und auf ihre Arme hoben. Das junge Mädchen schrie, während sie, wie von Löwen gepackt, aus der Hand des Herrn mit Gewalt fortgeführt werden sollte: „Hilf mir, liebste Schwester, und laß nicht zu, daß ich Christus, dem Herrn, entrissen werde!“ Als nun die gewalttätigen Räuber das sich widersetzende Mädchen über den Bergabhang hinabzerrten, ihre Kleider zerrissen und die Wege mit den ausgerissenen Haaren besäten, lag Klara unter Tränen im Gebet. Sie flehte, ihrer Schwester möge Mut und Standhaftigkeit zuteil werden; göttliche Macht möge menschliche Kraft besiegen, war ihre Bitte.

26. 
Sofort schien ihr am Boden liegender Körper mit solch schwerem Gewicht festgemacht zu sein, daß mehrere Männer, die sich mit allen Kräften mühten, nicht im geringsten imstande waren, sie über einen kleinen Bach zu tragen. Es eilten auch andere Leute von den Feldern und Weinbergen herbei und bemühten sich, jenen Hilfe zu leisten. Aber auch sie konnten jenen Körper auf keine Weise vom Boden aufheben. Da sie bei ihrem Bemühen müde wurden, wollten sie das Wunder durch ein spöttisches Wort zunichte machen, indem sie sagten: „Sie hat die ganze Nacht Blei gegessen, und deshalb ist es nicht verwunderlich, wenn sie schwer ist.“ Herr Monald, ihr Onkel, hob in schäumender Wut den Arm, um Agnes einen tödlichen Faustschlag zu versetzen. Plötzlich aber fuhr ein rasender Schmerz in die erhobene Hand, und peinigender Schmerz quälte sie für längere Zeit. Doch siehe, nach diesem langen Kampf begab sich Klara an den Platz und bat die Verwandten, von solchem Streite abzustehen und die halbtot daliegende Agnes ihrer Sorge anzuvertrauen. Als aber die Verwandten sich unverrichteter Dinge mit Bitterkeit im Herzen zurückgezogen hatten, erhob sich Agnes glückselig. Schon freute sie sich über das Kreuz Christi, für den sie diese erste Schlacht geschlagen hatte, und widmete sich für immer dem Dienste Gottes. Dann schnitt ihr der selige Franziskus mit eigener Hand das Haar ab und unterrichtete sie zusammen mit ihre Schwester über den Weg des Herrn. Weil aber eine kurze Abhandlung die erhabene Vollkommenheit ihres Lebens nicht zu schildern vermöchte, wende sich der Bericht wieder Klara zu.


Kapitel XVII.
Ein anderes Wunder: Vertreibung böser Geister

27. 
Es ist nicht verwunderlich, daß Klaras Gebet gegen die Bosheit der Menschen wirksam war, wenn es sogar böse Geister „in Brand steckte“. Eine fromme Frau aus der Diözese Pisa kam einmal zum Kloster, um Gott und der heiligen Klara dafür zu danken, daß sie durch ihre Verdienste von fünf bösen Geistern befreit worden sei. Die bösen Geister gestanden nämlich bei der Austreibung, sie seien nur durch die Gebete der heiligen Klara in Brand gesteckt und aus dem Gefäß, dessen sie sich bemächtigt hatten, vertrieben worden.

Nicht ohne Grund hatte der Herr Papst Gregor auf das Gebet dieser Heiligen, deren Kraft er für wirksam hielt, ein wunderbares Vertrauen. Oft, wenn eine Schwierigkeit auftauchte, wie es zu geschehen pflegt, bat er sowohl als Bischof von Ostia als auch, nachdem er zur höchsten apostolischen Würde emporgestiegen war, demütig flehend in einem Brief jene Jungfrau um ihre Fürbitte und erfuhr Hilfe. Die Sache ist sicherlich so mit ganzem Eifer nachzuahmen, wie sie auffallend ist durch die Demut, wenn doch Christi Stellvertreter von Christi Magd Hilfe dringend verlangt und sich ihrer mächtigen Fürbitte empfiehlt. Er wußte wohl, was Liebe vermag und welch freien Zugang reine Jungfrauen zum Throne der Majestät haben. Wenn nämlich der König des Himmels selbst sich denen, die ihn glühend lieben, mitteilt, warum sollte er nicht den fromm Bittenden, wenn es förderlich ist, willfahren?


Kapitel XVIII.
Klaras wunderbare Verehrung des Altarsakraments

28. 
Wie groß die liebende Hingabe der seligen Klara an das Sakrament des Altares war, zeigt ihre Tätigkeit. In jener schweren Krankheit nämlich, die sie ans Krankenbett fesselte, ließ sie sich aufsetzen und durch angebrachte Stützen aufrecht halten. So saß sie und wirkte sehr kostbares Linnen. Daraus fertigte sie über fünfzig Korporalien, schloß sie in seidene oder purpurne Bursen und bestimmte sie für verschiedene Kirchen in Berg und Tal um Assisi.

Wenn sie aber den Leib des Herrn zu empfangen sich anschickte, wurde sie zuerst von heißen Tränen überströmt; trat sie dann mit Zittern herzu, so erschauerte sie nicht weniger vor dem im Sakrament verborgenen, als vor dem Himmel und Erde beherrschenden Herrn.


Kapitel XIX.
Eine wahrhaft wunderbare Tröstung, die ihr der Herr in der Krankheit spendete

29. 
Wie sie aber in der Krankheit immer dachte an Christus, so suchte auch Christus sie heim in ihrem Leiden. In jener Weihnachtsstunde, wo die Welt mit den Engeln dem neugeborenen Kinde zujubelt, gingen die Frauen alle zur Matutin in das Oratorium und ließen die schwerkranke Mutter allein. Da begann sie an das Jesuskind zu denken, und es schmerzte sie sehr, daß sie nicht an den Lobgesängen der Schwestern teilnehmen konnte. Sie seufzte und sprach: „Herr, Gott, siehe , ganz allein hat man mich bei dir zurückgelassen an diesem Ort.“ Da begann plötzlich jener wunderbare Gesang, der in der Kirche des heiligen Franziskus zu erschallen pflegte, an ihr Ohr zu dringen. Sie hörte den Jubel der psallierenden Brüder, vernahm die Harmonien der Sänger, ja sogar den Ton der Musikinstrumente hörte sie. Der Ort war aber keineswegs so nahe, daß Klara dies hätte vernehmen können, wenn nicht entweder jene Feierlichkeit durch göttliche Fügung bis zu ihr gedrungen oder ihr Gehör über jede menschliche Möglichkeit hinaus geschärft worden wäre. Was aber dieses ganze Wunder noch übertraf, war die Tatsache, daß sie auch gewürdigt wurde, die Krippe des Herrn selbst zu sehen. Als am Morgen die Töchter zur seligen Klara kamen, sprach sie: „Gepriesen sei der Herr Jesus Christus, der, als ihr mich verlassen habt, mich nicht allein ließ. Ich habe wirklich durch Christi Gnade den ganzen Festgottesdienst, der heute in der Kirche des heiligen Franziskus gefeiert wurde, gehört.“


Kapitel XX.
Ihre überaus glühende Liebe zum Gekreuzigten

30. 
Innig vertraut war ihr das Wehklagen über das Leiden des Herrn. Seine heiligen Wunden waren ihr sowohl eine Quelle bitterer Empfindungen, als auch der Grund, süßere Freuden zu meiden. Die Tränen über den leidenden Christus machten sie ganz trunken und ihn, den die Liebe ihrem Herzen noch tiefer eingedrückt hatte, stellte sie sich oft im Geiste vor. Sie leitete ihre Novizinnen an, Christus den Gekreuzigten, zu beklagen und, was sie in Worten lehrte, das zeigte sie durch ihr Beispiel. Denn häufig, wenn sie still zu solchem Tun ermahnte, strömte sie über von Tränen, bevor sie zu reden anfing. Beim Stundengebet der Sext und Non wurde sie gewöhnlich von größerem Schmerz ergriffen, um mit dem geopferten Herrn geopfert zu werden. Als sie aber einmal zur Zeit der Non in ihrer Zelle betete, schlug sie der Teufel so auf die Wange, daß sich das Auge mit Blut, die Wange mit einem blauen Fleck bedeckte. Um sich jedoch ohne Unterlaß in die Schau des Gekreuzigten zu versenken, verrichtete sie immer wieder ein Gebet von den fünf Wunden des Herrn. Sie lernte das Kreuzoffizium, so wie es Franziskus, der Liebhaber des Kreuzes, zusammengestellt hatte, und betete es häufig mit ganz ähnlicher Liebe. Ihren bloßen Leib umgürtete sie mit einem Strick, der mit dreizehn Knoten versehen war, ein heimliches Erinnerungszeichen an die Wunden des Erlösers.

Kapitel XXI.
Ein Gedenken an das Leiden des Herrn

31. 
Einst war wieder der Tag (der Einsetzung) des heiligsten Abendmahls herangekommen, an dem der Herr die Seinen bis ans Ende geliebt hatte. Zu später Stunde, da die Todesangst des Herrn nahte, schloß sich Klara voll Trauer und Betrübnis in die Einsamkeit ihrer Zelle ein. Als sie betend den Herrn im Gebete begleitete und ihre bis zum Tod betrübte Seele sich teilnahmsvoll in jene Betrübnis versenkte, erschauerte sie alsbald im Gedenken der Gefangennahme und der ganzen Verspottung und ließ sich auf ihr Lager nieder. Die ganze Nacht und den folgenden Tag war sie so hingerissen und blieb so entrückt, daß sie mit unverwandtem Blick auf das Eine hingerichtet, mit Christus gekreuzigt und ganz gefühllos für alles andere erschien. Oft kehrte eine ihr vertraute Tochter zu ihr zurück, um zu sehen, ob sie vielleicht irgendetwas wünsche, und fand sie stets im gleichen Zustand vor. Als schon die Nacht zum Samstag herankam, zündete die fromme Tochter eine Kerze an und rief der Mutter das Gebot des heiligen Franziskus durch ein Zeichen, nicht durch ein Wort, ins Gedächtnis. Der Heilige hatte ihr nämlich vorgeschrieben, daß sie keinen Tag, ohne etwas zu essen, vorübergehen lassen dürfe. Als jene nun neben ihr stand, kehrte Klara gleichsam aus einer anderen Welt zurück und brachte das Wort vor: „Wozu eine Kerze? Ist es denn nicht Tag?“ „Mutter“, sagte jene, „die Nacht ist vergangen, der Tag ist vorbei und eine neue Nacht ist angebrochen.“ Da sprach Klara zu ihr: „Gesegnet sei dieser Schlaf, liebste Tochter; denn ich habe ihn lange ersehnt, und er ist mir geschenkt worden. Aber hüte dich, von diesem Schlaf jemandem zu erzählen, solange ich selbst noch im Fleische lebe.“


Kapitel XXII.
Verschiedene Wunder, die Klara im Zeichen 
und in der Kraft des Kreuzes wirkte

32. 
Der geliebte Gekreuzigte erwidert die Liebe der Liebenden, und sie, die durch das Geheimnis des Kreuzes in solcher Liebe entbrennt, wird durch die Macht des Kreuzes in Zeichen und Wundern verherrlicht. Während sie die Kranken mit dem Zeichen des lebenspendenden Kreuzes bezeichnet, weicht die Krankheit wunderbarerweise von ihnen. Von vielem will ich nur einiges anführen.

Einen Bruder, Stephan mit Namen, der an Tobsucht litt, schickte der selige Franziskus zu Frau Klara, damit sie über ihn das Zeichen des Kreuzes mache. Er wußte nämlich um ihre große Vollkommenheit und verehrte in ihr die große Wunderkraft. Auf Befehl des Vaters bezeichnete die Tochter des Gehorsams den Bruder und ließ ihn an dem Platz, wo sie selbst zu beten pflegte, ein wenig schlafen. Er aber erwachte nach kurzem vom Schlaf, erhob sich gesund und kehrte, frei von geistiger Störung, zum Vater zurück.

33. 
Ein dreijähriger Knabe namens Mattiolo aus der Stadt Spoleto hatte sich ein Steinchen in die Nase gesteckt. Niemand vermochte es aus seiner Nase zu entfernen, noch konnte der Knabe selbst es ausstoßen. In dieser großen Beklemmung und Gefahr wird er zu Frau Klara geführt. Als er von ihr mit dem Zeichen des Kreuzes bezeichnet ist, wird das Steinchen sofort ausgestoßen, und er ist befreit.

Ein anderer Knabe aus Perugia mit einem völlig geschwollenen Auge wurde zur heiligen Dienerin Gottes geführt. Sie drückte auf das Auge des Knaben das Kreuzzeichen und sprach: „Führt ihn zu meiner Mutter, damit auch sie über ihn das Kreuzzeichen mache.“ Ihre Mutter, Frau Ortulana, war, ihrer kleinen Pflanze nachfolgend, nach ihrer Tochter in den Orden eingetreten und diente im verschlossenen Garten mit den Jungfrauen als Witwe dem Herrn. Als der Knabe von ihr das Kreuzzeichen empfangen hatte, ward auf der Stelle sein Auge frei von der Geschwulst, und er sah klar und deutlich. Klara behauptete, jener Knabe sei durch das Verdienst ihrer Mutter befreit worden. Die Mutter aber schob das Verdienst des Lobes auf die Tochter und bekannte sich eines solchen Tuns für unwürdig.

34. 
Eine von den Schwestern namens Benvenuta hatte ungefähr zwölf Jahre an einem Geschwür unter dem Arm gelitten, das aus fünf Öffnungen eiterte. Ihr legte die Jungfrau Gottes Klara voll Mitleid dieses ihr besondere „Pflaster“ des heilbringenden Zeichens auf. Sofort, bei der Bezeichnung mit dem Kreuz, erhielt sie volle Gesundung von dem langjährigen Geschwür.

Eine andere aus der Zahl der Schwestern, Amata mit Namen, lag dreizehn Monate an Wassersucht krank darnieder, dazu von Fieber, Husten und Schmerzen in der Seite gequält. Voll Mitleid mit ihr nahm Frau Klara Zuflucht zu der edlen Probe ihrer Heilkunst. Sie bezeichnete die Schwester mit dem Kreuz im Namen ihres Christus und gab ihr sofort die volle Gesundheit wieder.

35. 
Eine andere Magd Christi, gebürtig aus Perugia, hatte zwei Jahre lang derart die Sprache verloren, daß sie kaum ein vernehmbares Wort hervorbringen konnte. Als ihr in der Nacht vor der Aufnahme Unserer Lieben Frau in einer Erscheinung gezeigt wurde, daß Frau Klara sie heilen könne, wünschte sie sehnsüchtig den Tagesanbruch herbei. Als es kaum Tag wurde, eilte sie zur Mutter und bat um das Zeichen des Kreuzes. Mit diesem bezeichnet, erlangte sie dann die Sprache wieder.

Eine Schwester namens Cristiana war lange Zeit auf einem Ohr mit Taubheit geschlagen. Sie hatte schon viele, jedoch vergebliche Heilmittel gegen das Übel angewandt. Frau Klara segnete gütig ihr Haupt und betastete ihr Ohr. Sogleich erlangte sie wieder die Fähigkeit zum Hören.

Groß war im Kloster die Zahl kranker Schwestern, die von verschiedenen Leiden heimgesucht waren. Klara betrat nach ihrer Gewohnheit den Raum (der Kranken), machte fünfmal das Zeichen des Kreuzes und befreite mit ihrem gewohnten Heilmittel sofort fünf Schwestern von ihrer Krankheit. Daraus geht in der Tat hervor, daß der Baum des Kreuzes im Herzen der Jungfrau eingepflanzt war. Während nämlich seine Frucht ihre Seele erquickte, trieb er nach außen Blätter als Heilmittel.


Kapitel XXIII.
Tägliche Unterweisung der Schwestern

36. 
Wohl deshalb, weil Klara die Lehrerin der Unerfahrenen und gleichsam im Palast des großen Königs die Vorsteherin der Mädchen war, unterwies sie dieselben in solcher Zucht und förderte sie in solcher Liebe zur Frömmigkeit, daß keine Zunge es zu künden vermag. Sie lehrte sie vor allem, jeglichen Lärm aus der Wohnung des Herzens zu vertreiben, damit sie den Geheimnissen Gottes allein anzuhangen vermöchten. Sie lehrte sie, sich nicht länger von der Liebe zu leiblichen Verwandten beeinflussen zu lassen und das Vaterhaus zu vergessen, um Christus zu gefallen. Sie ermahnte sie, Forderungen, die ein hinfälliger Leib geltend macht, zu verachten und die armseligen Dinge des Fleisches der Herrschaft der Klugheit zu unterwerfen. Sie wies darauf hin, daß der listige Widersacher reinen Seelen verborgene Schlingen legt, und daß er auf die eine Weise die Heiligen versucht, auf eine andere jene, die an die Welt gebunden sind. So wollte sie ferner, die Schwestern sollten zu bestimmten Stunden Handarbeiten verrichten; sodann sollten sie durch eifriges Gebet immer wieder die Sehnsucht nach dem Schöpfer in sich erwecken, die lähmende Gleichgültigkeit überwinden und durch das Feuer heiliger Liebe die Trägheit aufgeben. Nirgends fand man eine strengere Beachtung des Stillschweigens, nirgends waren Schönheit und Hochschätzung jeglicher Ehrbarkeit angesehener. Dort gab es weder Geschwätzigkeit, die ein unbedachtes Wesen verriet, noch ließ Leichtfertigkeit im Reden eine unüberlegte Ansicht erkennen. Denn die Lehrmeisterin selbst, sparsam mit Worten, faßte die reichen Eingebungen ihres Geistes in Kürze der Rede zusammen.


Kapitel XXIV.
Klaras Eifer, gern das Wort heiliger Predigt zu hören

37. 
Sie versorgte die Töchter durch fromme Prediger mit der Nahrung des Wortes Gottes; daran hatte sie selbst nicht geringeren Anteil. Sie wurde nämlich beim Anhören heiliger Predigt von solcher Freude durchströmt, von solcher Erinnerung an ihren Jesus beglückt, daß einmal bei der Predigt des Bruders Filippo von Adria ein überaus anmutiger Knabe der Jungfrau Klara zur Seite stand, und sie einen großen Teil der Predigt lang mit seinen Freudenbezeigungen erbaute. Auf den Anblick dieser Erscheinung hin fühlte jene Schwester, die an der Mutter solches zu sehen verdiente, eine unerklärliche Süßigkeit. Wenn auch Klara wissenschaftlich nicht gebildet war, so freute sie sich dennoch, eine gelehrte Predigt zu hören; sie hielt dafür, daß in der Schale der Worte ein Kern verborgen sei, zu dessen genauerem Erfassen und weiserem Verkosten sie vorzudringen suchte. Sie verstand es, aus der Predigt eines jeden Predigers das herauszuholen, was der Seele diente; sie wußte, daß es kein Zeichen geringerer Klugheit ist, bisweilen von einem unbeschnittenen Baum eine Blüte zu pflücken, als die Frucht von einem edlen Baum zu essen.

Als einmal Papst Gregor verboten hatte, daß ein Bruder ohne seine Erlaubnis die Klöster der Frauen besuche, trauerte die fromme Mutter über ihre Schwestern, die nun seltener die Nahrung der heiligen Unterweisung haben sollten, und sprach mit Seufzen: „Er soll uns übrigens alle Brüder wegnehmen, nachdem er uns die Spender des Lebensbrotes weggenommen hat.“ Sofort schickte sie alle Brüder zum Minister zurück, weil sie keine Almosensammler haben wollte, die nur das Brot des Leibes besorgten, nachdem die Schwestern die Almosensammler des geistigen Brotes nicht haben sollten. Als dies Papst Gregor vernahm, legte er jenes Verbot in abgeschwächter Form sofort in die Hände des Generalministers.


Kapitel XXV.
Klaras große Liebe zu ihren Schwestern

38. 
Die verehrungswürdige Äbtissin liebte nämlich nicht nur die Seelen ihrer Schwestern, sondern sorgte mit bewundernswert liebendem Eifer auch für ihr leibliches Wohl. Denn öfters in kalten Nächten deckte sie mit eigener Hand die Schlafenden zu, und von denen, die sie für zu schwach hielt, die gemeinsame Strenge des Lebens zu halten, wollte sie, sie sollten sich mit einer gemilderten Lebensweise zufrieden geben. Quälte eine Schwester eine Versuchung, befiel eine andere, wie es vorkommt, Traurigkeit, rief Klara diese heimlich zu sich und tröstete sie unter Tränen. Bisweilen warf sie sich den Trauernden zu Füßen, um mit mütterlichen Worten ihren heftigen Schmerz zu lindern. Die für diese Wohltaten dankbaren Schwestern hingen mit voller Ergebenheit an ihr. Mit dem Ausdruck der Liebe und Hochschätzung umfingen sie die Mutter, verehrten in der Lehrerin das Amt der Vorgesetzten, folgten in der Erzieherin dem rechten Weg und bewunderten in der Braut Gottes den Vorrang jeglicher Heiligkeit.


Kapitel XXVI.
Klaras Krankheiten und ihr langwieriges Siechtum

39. 
Vierzig Jahre lang war Klara in der Rennbahn der höchsten Armut gelaufen. Siehe, da näherte sie sich unter mannigfachem Siechtum dem Siegespreis himmlischer Berufung. Die Lebenskraft ihres Körpers erlag der Strenge der in früheren Zeiten geübten Buße. Darum befiel sie in späterer Zeit schwere Krankheit, damit sie, die in gesunden Tagen mit Verdiensten der Arbeit bereichert worden war, in kranken Tagen mit den Verdiensten der Leiden bereichert würde. Und in der Tat, „die Kraft kommt in der Schwachheit zur Vollendung“. Wie vollkommen ihre bewundernswerte Kraft in der Krankheit war, geht am klarsten daraus hervor, daß sie in ihrer achtundzwanzig Jahre dauernden Krankheit „kein Murren hören ließ und keine Klage“. Vielmehr kam aus ihrem Mund stets nur heilige Rede, stets nur Danksagung. Obgleich sie, von der Last der Krankheit niedergedrückt, dem Tode zuzueilen schien, gefiel es dennoch Gott, ihren Heimgang bis zu der Zeit aufzuschieben, wo sie von der römischen Kirche, deren Kind und besondere Tochter sie war, mit würdigen Ehren ausgezeichnet werden konnte. Als nämlich der Papst mit den Kardinälen in Lyon weilte, begann Klara von einer ungewöhnlichen Krankheit geplagt zu werden. Das Schwert unsäglichen Schmerzes marterte darob die Herzen der Töchter.

40. 
Alsbald wurde einer Magd Christi, einer gottergebenen Jungfrau vom Kloster S. Paolo aus dem Orden des heiligen Benedikt, folgende Erscheinung gezeigt: Es schien ihr, als stünde sie zusammen mit ihren Schwestern in S. Damiano am Krankenbett von Frau Klara und Klara liege auf einem kostbaren Lager. Während die Schwestern weinten und mit Tränen den Heimgang der seligen Klara erwarteten, erschien eine schöne Frau am Kopf des Lagers und redete die Weinenden also an: „O Töchter, weinet nicht über sie, die dem Sieg entgegeneilt; sie wird nicht sterben können, bevor nicht der Herr mit seinen Jüngern kommt.“ Und siehe, alsbald kam die römische Kurie nach Perugia. Als der Herr von Ostia hörte, Klaras Krankheit habe sich verschlimmert, eilte er von Perugia herbei, um die Braut Christi zu besuchen. Er war ja aufgrund seines Amtes ihr Vater, durch seine Sorge ihr Schirmherr, durch reinste Liebe ihr immer treu ergebener Freund. Er stärkte die Kranke mit dem Sakrament des Leibes des Herrn, die übrigen Schwestern aber mit aufmunternder, heilsamer Rede. Nur um das eine flehte Klara den Vater demütig unter Tränen an, er möge sie selbst und die anderen Frauen im Namen Christi empfohlen halten. Jedoch war es vor allem eines, was sie erflehte, daß er die Bestätigung des Privilegs der Armut vom Herrn Papst und den Kardinälen für sie erbitte. Wie dies jener treue Helfer des Ordens mündlich versprach, so erfüllte er es in der Tat. Als ein Jahr vergangen war, ging der Herr Papst mit den Kardinälen von Perugia nach Assisi hinüber, damit die vorher angezeigte Erscheinung in Erfüllung gehe. Denn der Papst selbst, über jedem Menschen, doch unter Gott stehend, vertritt die Person des Herrn; wie die Jünger stehen die Herren Kardinäle mit ihm im Tempel der streitenden Kirche auf vertrautem Fuß.


Kapitel XXVII.
Wie der Herr Papst Innozenz Klara in ihrer Krankheit besuchte, 
ihr die Absolution spendete und sie segnete

41. 
Schon eilte die göttliche Vorsehung, ihr Vorhaben mit Klara zu erfüllen; es eilte Christus, die arme Pilgerin in den Palast des himmlischen Reiches zu erhöhen. Schon verlangte sie mit ganzer Sehnsucht, von diesem todgeweihten Leib befreit zu werden und in den himmlischen Wohnungen Christus herrschen zu sehen, dem sie in seiner Armut auf Erden arm mit ganzem Herzen nachgefolgt war. Nachdem ihre heiligen Glieder von der alten Krankheit aufgerieben waren, befiel sie eine neue Krankheit, die sowohl die ganz nahe bevorstehende Berufung zum Herrn anzeigte, als auch den Weg zu ewiger Gesundheit bereitete. Es eilte Herr Innozenz IV. seligen Angedenkens zusammen mit den Kardinälen herbei, die Magd Christi zu besuchen. Er, der ihre Lebensweise über die Frauen unserer Zeit hinaus gutgeheißen hatte, trug kein Bedenken, ihr Lebensende mit päpstlicher Anwesenheit zu verherrlichen. Nachdem er das Kloster betreten hatte, eilte er an ihr Lager und reichte dem Mund der Kranken seine Hand zum Kusse. Klara nahm die Hand mit aller Dankbarkeit an und bat mit höchster Ehrfurcht, den Fuß des Papstes küssen zu dürfen. Ein Herr vom päpstlichen Hof hob ehrfurchtsvoll den Fuß auf einen bereitgestellten hölzernen Schemel bequem hin, auf den sie von vorne und an der Seite Küsse drückte, wobei sie ehrfürchtig ihr Antlitz hinneigte.

42. 
Darauf erbat sich Klara vom Papst mit engelgleichem Antlitz die Vergebung aller Sünden. Er aber erwiderte: „Wenn doch ich der gleichen Verzeihung bedürfte!“ Dann gab er ihr das Gnadengeschenk voller Lossprechung und reichsten Segens. Während sich alle zurückzogen, erhob Klara - sie hatte an jenem Tag aus der Hand des Provinzialministers den Leib des Herrn empfangen - ihre Augen zum Himmel, faltete die Hände zu Gott und sagte unter Tränen zu ihren Schwestern: „Lobet den Herrn, meine lieben Töchter, denn heute hat sich Christus gewürdigt, mir eine so große Gnade zu erweisen, daß Himmel und Erde nicht ausreichen, sie aufzuwiegen. Ihn, den Allerhöchsten selbst“, sagte sie, „habe ich heute empfangen und seinen Stellvertreter durfte ich sehen.“


Kapitel XXVIII.
Was Klara ihrer weinenden leiblichen Schwester für eine Antwort gab

43. 
Die Töchter, die bald Waisen werden sollten, umstanden das Lager ihrer Mutter; ihre Seelen durchdrang das Schwert bitteren Schmerzes. Nicht Schlaf rief sie weg, noch Hunger riß sie fort; sie, die Schlaf und Essen vergessen hatten, hatten nur noch Genüge daran, Tag und Nacht zu wehklagen. Unter ihnen war die fromme Jungfrau Agnes, die aufgelöst in bittere Tränen ihre Schwester anflehte, sie möge nicht, sie allein zurücklassend, von ihr gehen. Klara erwiderte ihr: „Es ist Gottes Wille, liebste Schwester, daß ich gehe. Du aber höre auf zu weinen, denn alsbald nach mir wirst du zum Herrn kommen; und der Herr wird dir einen großen Trost gewähren, bevor ich von dir gehe.“


Kapitel XXIX.
Klaras Heimgang, und was man dabei alles tat und sah

44. 
Die Leiden ihres Todeskampfes schließlich dauerten mehrere Tage, in denen das Vertrauen und die Verehrung der Leute wuchsen. Auch durch häufigen Besuch von Kardinälen und Prälaten wurde sie wie eine wahrhaft Heilige verehrt. Folgendes aber ist erstaunlich zu hören: Obgleich sie siebzehn Tage lang keine Speise zu sich nehmen konnte, wurde sie vom Herrn mit solcher Kraft ausgerüstet, daß sie alle, die zu ihr kamen, im Dienste Christi stärkte. Als der gute Mann, Bruder Rainald, sie in dem langen Martyrium solcher Krankheiten zur Geduld ermahnte, antwortete sie ihm ganz unbefangen: „Nachdem ich die Gnade meines Herrn Jesus Christus durch seinen Diener Franziskus ein für allemal erkannt habe, ist mir keine Pein beschwerlich, keine Buße hart, keine Krankheit, liebster Bruder, drückend.“

45. 
Da aber der Herr gnädig handelte und gleichsam schon vor der Türe stand, wollte Klara Priester und geistliche Brüder um sich haben, die ihr das Leiden des Herrn und heilige Worte vortragen sollten. Kaum war Bruder Juniperus, berühmt für seine zündenden Worte, die er an den Herrn zu richten imstande war, unter ihnen erschienen, fragte ihn Klara, von ungewöhnlicher Heiterkeit erfüllt, ob er etwas Neues vom Herrn bereit habe. Er aber öffnete seinen Mund und entsandte aus dem Feuerofen seines glühenden Herzens Worte wie Feuerfunken. Aus seinen Gleichnissen entnahm die Jungfrau Gottes großen Trost. Schließlich wandte sich Klara an die weinenden Töchter, denen sie die Armut des Herrn ans Herz legte und voll Lobpreis sie an die Wohltaten Gottes erinnerte. Sie segnete die frommen Brüder und ihre frommen Schwestern und erflehte für alle Frauen der Armen Klöster, für die gegenwärtigen und die künftigen, die Gnade reichsten Segens. Wer könnte das Weitere ohne Tränen erzählen?

Bei Klara standen auch jene beiden gesegneten Gefährten des seligen Franziskus, von denen der eine, Angelus, selbst tieftraurig, die Trauernden tröstete; der andere, Leo, die Liegestatt der Scheidenden küßte. Die verlassenen Töchter beweinten den Heimgang der frommen Mutter und gaben der Sterbenden, die sie weiterhin nicht mehr sehen sollten, unter Tränen das Geleit. Es schmerzte sie bitterlich, daß ihr ganzer Trost mit ihr fortging und sie, im Tal der Tränen zurückgelassen, nicht mehr länger von ihrer Meisterin getröstet werden konnten. Gerade noch hielt das Schamgefühl ihre Hand vor der Zerfleischung ihres Körpers zurück, und dies bewirkte das Feuer eines noch heftigeren Schmerzes, weil man es nicht ausströmen ließ. Die klösterliche Vorschrift gebot Stillschweigen, die Gewalt des Schmerzes aber entpreßte ihnen Stöhnen und Schluchzen. Aufgedunsen war ihr Antlitz infolge der Tränen und ihr trauerndes Herz ließ ungestüm immer neue Tränen hervorbrechen.

46. 
Zu sich gewendet aber redete die heiligste Jungfrau ihre Seele leise also an: „Geh hin in Sicherheit, denn du hast ein gutes Geleit. Geh hin“, sagte sie, „denn der dich erschaffen hat, hat dich geheiligt. Er hat dich stets behütet wie eine Mutter ihr Kind und dich mit zärtlicher Liebe geliebt.“ Sie sprach: „Du, Herr, sei gepriesen, weil du mich erschaffen hast.“ Als eine der Schwestern fragte, mit wem sie rede, erwiderte sie: „Ich rede mit meiner gebenedeiten Seele.“ Auch jener herrliche Wegbegleiter war nicht mehr fern. Denn zu einer Schwester hingewandt sagte sie: „Siehst du, o Tochter, den König der Herrlichkeit, den ich sehe?“ Auch über eine andere Schwester kam die Hand des Herrn. Mit ihren leiblichen Augen empfing sie unter Tränen ein beglückendes Gesicht. Vom Pfeil tiefen Schmerzes durchbohrt, richtete sie ihre Augen zur Tür des Hauses hin. Und siehe, eine Schar Jungfrauen in weißen Gewändern trat herein; alle trugen auf ihrem Haupt goldene Kränze. Eine unter ihnen schritt strahlender als die anderen; aus ihrer Krone - sie hatte oben die Form eines durchbrochenen Rauchgefäßes - brach ein solcher Glanz hervor, daß sich die Nacht im Hause in helles Tageslicht ver-wandelte. Sie ging auf das Lager zu, auf dem die Braut Christi lag, neigte sich liebreich über sie und umarmte sie zärtlich. Ein wunderschönes Tuch holten die Jungfrauen hervor, bedeckten alle in heiligem Wetteifer Klaras Leib und schmückten das Brautgemach.

Am Tag nach dem Fest des heiligen Laurentius verschied diese heilige Seele, um mit dem ewigen Lohn gekrönt zu werden. Befreit vom Tempel ihres Leibes, eilte ihr Geist glückselig zu den Sternen. Gepriesen sei dieser Auszug aus dem Tal des Elends, der Klara zum Einzug ins ewige Leben geworden ist! Schon erfreut sie sich statt an kärglicher Erdenkost an der Tafel der Himmelsbürger. Schon wird die Selige im Reich der Himmlischen anstatt mit irdischer Gewandung, die zu Asche vergeht, mit dem Gewand ewiger Herrlichkeit geschmückt.


Kapitel XXX.
Wie zum Begräbnis der Jungfrau Klara die römische Kurie 
mit der ganzen Bevölkerung zahlreich zusammenkam

47. 
Die Kunde vom Heimgang der Jungfrau Klara zusammen mit dem Bericht der wunderbaren Umstände verbreitete sich unverzüglich und erschütterte das ganze Volk der Stadt. Es liefen die Männer, es liefen die Frauen zu dem Ort; in solcher Anzahl strömten die Leute hinzu, daß die Stadt wie ausgestorben schien. Alle riefen laut: „Eine Heilige, eine Gott Wohlgefällige!“ Nur wenige brachen bei den Lobpreisungen in Tränen aus. Das Oberhaupt der Stadt eilte mit einer Schar von Rittern und einer großen Anzahl von Bewaffneten herbei. Sie hielten an jenem Abend und die ganze Nacht hindurch aufmerksam Wache, damit dem kostbaren Schatz, der in ihrer Mitte ruhte, kein Schaden zugefügt werden könne.

Am folgenden Tag brach die ganze Kurie auf, der Statthalter Christi mit den Kardinälen lenkte seine Schritte zu der Stätte, und die ganze Stadt zog nach S. Damiano hin. Man war zum Beginn der Feier des Gottesdienstes gekommen, als die Brüder eben das Totenoffizium anfingen. Da äußerte der Herr Papst plötzlich, man sollte das Offizium von den Jungfrauen nehmen, nicht das Totenoffizium, so daß es den Anschein hatte, als wolle er Klara schon heiligsprechen, ehe ihr Leib bestattet war. Weil aber der hervorragende Mann, der Herr Kardinal von Ostia erwiderte, man müsse in diesen Angelegenheiten mit größerer Bedachtsamkeit vorgehen, wurde die Totenmesse gefeiert. Als sich späterhin der Papst und auch die versammelten Kardinäle und Prälaten gemeinsam niedergelassen hatten, feierte der Bischof von Ostia die hervorragende Verächterin der Eitelkeit in einer herrlichen Rede, zu der er das Thema gewählt hatte: „O Eitelkeit über Eitelkeit.“

48. 
Es umgaben dort in frommer Würdigung die Kardinalpriester den heiligen Leichnam und vollzogen nahe beim Leib der Jungfrau die liturgischen Dienste. Schließlich erhob man, weil man es nicht für sicher und geziemend genug hielt, daß ein so kostbares Unterpfand so weit von den Bürgern entfernt sei, unter Hymnen und Lobgesängen, mit Posaunenklängen und Jubelliedern den Leichnam und überführte ihn ehrenvoll nach S. Giorgio. An dieser Stätte nämlich war es auch, wo der Leib des heiligen Vaters Franziskus zuerst beigesetzt gewesen war. So sollte derjenige, der der Lebenden den Weg des Lebens bereitet hatte, auch der Toten die Stätte durch ein gewisses Vorzeichen bereiten.

Darauf erfolgte ein Ansturm von Menschenscharen hin zum Grab der Jungfrau, die Gott lobten und sprachen: „Wahrhaft heilig, wahrhaft ruhmvoll herrscht sie mit den Engeln, sie, die auf Erden von den Menschen solcher Ehre teilhaftig ist. Bitte für uns bei Christus, du Erste der Armen Frauen, du, die du unzählige Menschen zur Buße, ungezählte zum Leben geführt hast!“

Nur wenige Tage später wurde auch Agnes zur Hochzeit des Lammes gerufen und folgte ihrer Schwester Klara in die ewigen Freuden, wo beide Töchter Sions, von Natur, durch Gnade und im Himmelreich Schwestern, Gott ohne Ende preisen. In der Tat erhielt Agnes jenen Trost, den ihr Klara versprach, bevor sie verschied. Wie Agnes nämlich ihrer vorangehenden Schwester von der Welt zum Kreuz nachgegangen war, so ging sie jetzt, während Klara durch Zeichen und Wunder glänzte, eilig aus dem Licht der Welt zu Gott. Dies gewährte ihr unser Herr Jesus Christus, der mit dem Vater und dem Heiligen Geist lebt und herrscht in alle Ewigkeit. Amen.





II. Buch

Kapitel XXXI.
Die Wunder der heiligen Klara nach ihrem Abschied von der Welt

49. 
Dies sind die wunderbaren Zeichen und die verehrungswürdigen Zeugnisse der Wunder, die in der Heiligkeit des Lebenswandels und in der Vollkommenheit der Werke begründet sind. Johannes hat zwar keine Wunder gewirkt, jedoch werden die Menschen, die Wunder wirken, nicht heiliger sein als Johannes. Deshalb würde zum Beweis für die Heiligkeit der heiligen Jungfrau Klara die Verkündigung ihres überaus vollkommenen Lebens genügen, wenn nicht inzwischen teils die Lauheit, teils die Verehrung der Leute etwas anderes fordern würde. Deshalb wurde Klara schon zu Lebzeiten durch ihre Verdienste und dann, in den Abgrund ewiger Klarheit versenkt, nichtsdestoweniger auch durch das Licht der Wunder in aller Welt wunderbar berühmt. Es zwingt die lautere und verbürgte Wahrheit, vieles aufzuzeichnen, die Menge des Materials aber, sehr viel zu übergehen.


Kapitel XXXII.
Befreiung von Besessenheit

50. 
Ein Knabe namens Jakobinus von Perugia schien weniger körperlich krank, als von einem sehr schlimmen Dämon besessen zu sein. Denn bald stürzte er sich verzweifelt ins Feuer, bald fiel er zu Boden, bald biß er bis zum Brechen der Zähne in Steine. Ganz jämmerlich zerschlug er dabei seinen Kopf und besudelte seinen Leib mit Blut. Er verdrehte den Mund, ließ die Zunge heraushängen und ballte seine Glieder so leicht zu einem Knäuel zusammen, daß er oft sein Bein über den Hals legte. Zweimal am Tage quälte den Knaben diese Tollheit. Nicht einmal zwei Personen konnten ihn so bändigen, daß er nicht die eigenen Kleider auszog. Man suchte Hilfe bei erfahrenen Ärzten, aber man fand keinen, der Rat gewußt hätte. Sein Vater namens Guidolotus wandte sich, nachdem er bei den Menschen für solches Unglück kein Heilmittel gefunden hatte, an die Verdienste der heiligen Klara. „O heiligste Jungfrau“, betete er, „der Welt verehrungswürdige Klara, dir weihe ich mein unglückliches Kind, von dir erbitte ich in heißem Flehen seine Gesundheit.“ Er eilte voll des Glaubens an ihre Grabstätte, legte den herbeigebrachten Knaben auf ihr Grab und, noch während er betete, erlangte er plötzlich Hilfe. Sofort nämlich war der Knabe von seiner Krankheit frei und wurde ferner von keinem ähnlichen Leiden mehr geplagt.


Kapitel XXXIII.
Ein anderes Wunder

51. 
Alexandrina von Fratta in der Diözese Perugia war von einem sehr bösen Dämon heimgesucht. Er hatte sie so in seine Gewalt gebracht, daß er sie über einen hohen Felsen, der über ein Flußufer hinausragte, wie ein Vöglein hin- und herfliegen ließ. Er ließ sie über einen ganz dünnen, in den Tiber hineinhängenden Ast herabsteigen und das wie zum Spiel betreiben. Als auch wegen ihrer Sünden die linke Seite gänzlich gelähmt und die Hand verkrüppelt war, nützten die oft angewandten Heilmittel nichts mehr. Da ging sie zerknirschten Herzens an das Grab der glorreichen Jungfrau Klara, rief ihre Fürbitte an und fand gegen jene dreifache gefährliche Krankheit Heilung. Die verkrüppelte Hand streckte sich nämlich aus, die Seite war geheilt und die Besessene wurde vom Dämon befreit.

Eine andere Frau desselben Ortes erhielt zu gleicher Zeit vor dem Grab der Heiligen das Geschenk der Befreiung von einem Dämon und von vielen Schmerzen.


Kapitel XXXIV.
Heilung von Tobsucht

52. 
Ein junger Mann aus Frankreich, der sich im Gefolge des päpstlichen Hofes befand, wurde von der Tobsucht befallen, die ihn des Gebrauches der Sprache beraubte und seinen Körper in eine ungeheuere Unruhe versetzte. Von niemandem konnte er irgendwie festgehalten werden, vielmehr wand er sich entsetzlich in den Händen derer, die ihn halten wollten. Mit Stricken band man ihn auf eine Tragbahre. Landsleute brachten ihn wider seinen Willen in die Kirche der heiligen Klara und stellten ihn vor ihrem Grabe nieder. Sofort wurde er um des Glaubens seiner Begleiter willen vollkommen befreit.


Kapitel XXXV.
Befreiung eines Mannes von der Fallsucht

Valentinus von Spello litt so sehr an Fallsucht, daß er sechsmal am Tage, ganz gleich, wo er sich befand, umfiel. Außerdem konnte er infolge einer Verkürzung eines Schenkels nicht ungehindert gehen. Man führte ihn auf einem Esel zum Grab der heiligen Klara, wo er zwei Tage und drei Nächte lag. Am dritten Tag aber - niemand berührte ihn - krachte sein Bein, als ob es zerbreche, und er wurde auf der Stelle von beiden Krankheiten geheilt.


Kapitel XXXVI.
Ein Blinder, der sehend wurde

Jakobellus, der Sohn einer Spoletanerin, war zwölf Jahre mit Blindheit geschlagen. er benötigte zum Gehen einen Führer; ohne Begleiter konnte er nicht gehen, sonst stürzte er ins Verderben. Denn als er einmal von dem ihn führenden Knaben ein wenig allein gelassen war, fiel er und trug einen Armbruch und eine Kopfverletzung davon. Als Jakobellus eines Nachts neben einer Brücke in Narni schlief, erschien ihm im Traum eine Frau, die zu ihm sagte: „Jakobellus, warum kommst du nicht zu mir nach Assisi, um geheilt zu werden?“ Des Morgens beim Aufstehen erzählte er zwei anderen Blinden zitternd das Gesicht. Sie antworteten ihm: „Neulich hörten wir, daß eine hohe Frau in der Stadt Assisi gestorben sei. Ihr Grab soll die Hand des Herrn durch Heilungsgnaden und viele Wundertaten verherrlichen.“ Daraufhin machte er sich unverdrossen und eilig auf den Weg und kehrte des Nachts bei Spoleto ein. Dort sah er wieder das gleiche Gesicht. Noch schneller eilte er, ja, aus Liebe zu seinem Augenlicht begann er vollends zu laufen.

53. 
Als er nach Assisi kam, fand er vor dem Grabmahl der Jungfrau solche Volksmassen versammelt, daß er unter keinen Umständen an ihr Grab herankommen konnte. Voll Schmerz, weil er keinen Zugang zu finden vermochte, nahm er einen Stein als Kopfkissen und schlief in großem Glauben vor dem Eingang ein. Und siehe, zum dritten Male erging an ihn die Stimme: „Der Herr wird dir Gutes tun, Jakobus, wenn du eintreten kannst.“ Er erwachte und bat unter Tränen die Scharen, indem er mit lautem Rufen seine Bitte wiederholte, man möchte ihm doch um der Liebe Gottes willen den Weg freigeben. Als ihm der Weg offenstand, legte er seine Schuhe ab, zog die Kleider aus, legte einen Riemen um seinen Hals und berührte demütig das Grab. Dann fiel er in einen leichten Schlaf. „Steh auf“, sagte zu ihm die selige Klara, „steh auf, denn du bist erlöst.“ Sogleich erhob er sich. Alle Blindheit war verbannt, jegliches Dunkel von den Augen genommen. Klar sah er durch des Lichtes Klarheit. Da pries er Gott lobsingend und lud alle Leute ein, Gott zu lobpreisen für solch ein wunderbares Werk.


Kapitel XXXVII.
Wiederherstellung einer zerschmetterten Hand

54. 
Ein Mann aus Perugia namens Bonus Johannes Martini zog mit seinen Mitbürgern gegen die Bewohner von Foligno. Bald kam es zu einem schweren Gefecht. Ein Stein, der ihn dabei traf, zerschmetterte ihm mit hartem Schlag die Hand. Seiner Gesundheit zuliebe gab er viel Geld an Ärzte aus. Aber keine ärztliche Kunst konnte ihm soweit helfen, daß er wieder eine gebrauchs- und arbeitsfähige Hand bekam. Betrübt darüber, daß sie, gebrauchsunfähig, nicht wie seine Rechte Lasten tragen konnte, wünschte er sich öfters, sie möchte ihm ganz abgenommen sein. Wie er aber vernahm, was der Herr durch seine Dienerin Klara zu zeigen sich würdigte, tat er ein Gelübde, eilte zum Grab der Jungfrau, opferte ein Abbild seiner Hand aus Wachs und legte sich dann über das Grab der heiligen Klara. Und sofort, noch bevor er aus der Kirche ging, war seine Hand gesund.


Kapitel XXXVIII.
Heilung von Krüppeln

55. 
Petriolus aus der Stadt Bettona war durch eine dreijährige Krankheit aufgerieben. Er schien fast ganz aufgezehrt von diesem langen Siechtum. So heftig war diese Krankheit, daß er in den Lenden keine Kraft mehr hatte und, immer krumm und zur Erde gebeugt, kaum mit einem Stock sich vorwärts bewegen konnte. Der Vater des Knaben versuchte es mit der Geschicklichkeit vieler Ärzte, besonders solcher, die Erfahrung in der Heilung von Knochenbrüchen hatten. Er war bereit, sein ganzes Hab und Gut für die Wiederherstellung der Gesundheit seines Sohnes auszugeben. Als ihm aber alle Ärzte bedeuteten, keine Kunst sei imstande, jener Krankheit abzuhelfen, wandte er sich der Fürbitte der neuen Heiligen zu, von deren Wundertaten er gehört hatte. Er brachte den Knaben an den Ort, wo der kostbare Leichnam der Jungfrau ruhte. Gar nicht lange lag er vor ihrem Grab, als er die Gnade voller Gesundheit erhielt. Sofort stand er auf, gerade und gesund. Er ging, sprang umher, lobte Gott und lud das zusammenströmende Volk zum Lob der heiligen Klara ein.

56. 
Ein zehnjähriger Knabe auf dem Landgut S. Quirico in der Diözese Assisi war von Geburt an lahm. Er hatte ganz dünne Beine, warf die Füße beim Gehen übereinander, konnte nur gekrümmt gehen und, wenn er hinfiel, kaum aufstehen. Seine Mutter hatte ihn schon mehrere Male dem heiligen Franziskus gelobt, doch keine Hilfe und Besserung erlangt. Als sie aber hörte, die selige Klara erglänze in neuen Wundern, brachte sie den Knaben an Klaras Grab. Nach einigen Tagen wurden unter dem Krachen der Schienbeine die Glieder wieder natürlich gerade. Und was der heilige Franziskus, in vielen Gebeten angefleht, nicht erwiesen hatte, seine Jüngerin Klara hat es durch die Kraft Gottes zugestanden.

57. 
Jakobus de Franco, ein Bürger aus Gubbio, hatte einen fünfjährigen Sohn, der wegen kraftloser Füße niemals gegangen war, ja überhaupt nicht gehen konnte. Er beklagte seinen Sohn als ein Scheusal seines Hauses und als Schande seines Geschlechtes. Dieser lag auf dem Fußboden, kroch im Staub umher, und wenn er sich bisweilen aufrichten wollte, war er dazu nicht imstande. Die Natur hatte ihm zwar die Sehnsucht, aber nicht das Vermögen zum Gehen verliehen. Die Eltern gelobten das Kind den Verdiensten der heiligen Klara und wollten - um es mit ihrem eigenen Ausdruck zu sagen -, daß es ein „Mann der heiligen Klara“ sei, wenn es durch sie die Gesundheit erlangt habe. Sofort, nachdem das Gelübde gemacht war, heilte die Jungfrau Christi „ihren Mann“. Sie stellte den ihr geweihten Knaben wieder her, so daß er frei gehen konnte. Auf der Stelle eilten die Eltern mit dem Knaben an das Grab der Jungfrau und brachten ihn, der vor Freude hüpfte, dem Herrn dar.

58. 
Eine Frau aus Bevagna mit Namen Pleneria litt schon lange an einer Kontraktur der Lenden und konnte nur auf einen Stock gestützt gehen. Sie vermochte jedoch mit Hilfe des Stockes ihren gekrümmten Körper nicht aufzurichten; sie brachte es nur zu einigermaßen schwankenden Schritten. An einem Freitag ließ sie sich an das Grab der heiligen Klara bringen. Voller Hingabe schüttete sie gleichsam ihre Bitten vor ihr aus und erlangte schnell, was sie gläubig erbeten. Am folgenden Tag, es war Samstag, kehrte sie, die sich von anderen hatte herbeitragen lassen müssen, allein zu Fuß nach Hause zurück, nachdem sie ihre volle Gesundheit erlangt hatte.


Kapitel XXXIX.
Heilung von Halsgeschwulsten

Ein Mädchen aus Perugia hatte schon lange sehr schmerzliche Halsschwellungen, die man in der Volkssprache Skrofeln nennt. Man zählte in ihrem Hals zwanzig Drüsen, so daß der Hals des Mädchens dicker erschien als der Kopf. Ihre Mutter führte sie oft an die Grabstätte der Jungfrau Klara, wo sie mit größter Andacht die Hilfe der Heiligen erflehte. Als das Mädchen einmal eine ganze Nacht vor dem Grab lag, brach ihm der Schweiß aus, und jene Drüsengeschwulste begannen weich zu werden und einzuschrumpfen. Im Lauf der Zeit jedoch verschwanden sie durch die Verdienste der heiligen Klara so, daß keine Spur zurückblieb.

59. 
Ein ähnliches Halsübel hatte noch zu Klaras Lebzeiten eine von den Schwestern mit Namen Andrea. Verwunderlich allerdings, daß inmitten von Feuersteinen eine so kalte Seele verborgen lebte und unter den klugen Jungfrauen eine unkluge töricht handelte. Diese nun schnürte eines Nachts ihren Hals bis zum Ersticken zu, um jenen Pfropfen durch den Mund auszuspeien. Sie wollte Gottes Willen an sich selbst übertreten. Während sich dies zutrug, erkannte es Klara im Geiste. „Eile“, sprach sie zu einer Schwester, „eile schnell in das untere Haus und gib der Schwester Andrea von Ferrara ein warmgemachtes Ei zum Schlürfen und komm dann mit ihr zusammen zu mir herauf.“ Jene eilte und fand Schwester Andrea der Sprache verlustig und durch ihre eigene Hand dem Ersticken nahe. Sie half ihr, so gut sie konnte, und führte sie mit zur Mutter. Die Dienerin Gottes sprach zu ihr: „Unglückliche, bekenne dem Herrn deine Absicht, die auch ich genau kenne. Siehe, was du heilen wolltest, wird der Herr Jesus Christus heilen. Ändere aber dein Leben zum Besseren, denn von der anderen Krankheit, die du erleiden wirst, wirst du nicht mehr genesen.“ Auf ihr Wort hin empfing Schwester Andrea den Geist der Zerknirschung und änderte in hervorragender Weise ihr Leben zum Besseren. Nach kurzer Zeit war sie von den Skrofeln geheilt, an der anderen Krankheit starb sie. 


Kapitel XL.
Befreiung von Wölfen

60. 
Grausame wilde Wölfe beunruhigten oft die Gegend. Sie fielen sogar die Leute an und nährten sich nicht selten von Menschenfleisch. Eine Frau, Bona mit Namen, von Monte Galliano in der Diözese Assisi hatte zwei Söhne. Kaum hatte sie aufgehört, über den einen, den ihr die Wölfe entrissen hatten, zu klagen, machten sie sich in gleicher Wildheit an den zweiten. Während die Mutter daheim mit häuslicher Arbeit beschäftigt war, packte den Knaben, der draußen herumlief, ein Wolf mit den Zähnen, biß ihn in den Nacken und rannte, so schnell er konnte, mit der Beute in den Wald. Die Leute, die in den Weinbergen arbeiteten, hörten das Heulen des Knaben und riefen der Mutter zu: „Schau nach, ob dein Sohn da ist; denn kurz vorher hörten wir ungewöhnliches Heulen.“ Da merkte die Mutter, daß ihr Sohn vom Wolf geraubt worden war. Ein lautes Rufen erhob sie zum Himmel, erfüllte die Luft mit Wehklagen und rief die Jungfrau Klara also an: „Heilige, glorreiche Klara, gib mir meinen unglücklichen Sohn zurück! Wenn du das nicht tust, werde ich mich selbst ertränken.“ Inzwischen waren die Nachbarn dem Wolf nachgelaufen und fanden das Kind, vom Wolf verlassen, im Wald auf und einen Hund neben dem Knaben, dessen Wunden er leckte. Zuerst hatte ihn das wilde Tier in den Nacken gebissen; dann aber hatte es, um die Beute leichter tragen zu können, den Knaben an den Lenden in den Rachen genommen, und das unsanfte Zupacken hatte an beiden Stellen schwere Spuren hinterlassen. Um ihr Gelübde zu erfüllen, eilte die Frau mit ihren Nachbarn zu ihrer Helferin, zeigte allen, die es sehen wollten, die verschiedenen Wunden des Knaben und sagte Gott und der heiligen Klara vielfältigen Dank.

61. 
Ein Mädchen aus der Stadt Cannara saß am hellen Tag auf einem Feld; in seinen Schoß hatte eine andere Frau den Kopf zurückgelehnt. Und siehe da, ein menschenräuberischer Wolf lenkte seine schleichenden Schritte auf die Beute. Das Mädchen jedoch hatte keine Angst, als es den Wolf sah, weil es glaubte, es sei ein Hund. Während aber das Kind fortfuhr, das Fell des Wolfes prüfend zu betrachten, wurde das mörderische Tier gegen das Mädchen wild, packte es mit den Zähnen am Gesicht, verschloß ihm mit aufgesperrtem Rachen den Mund und trug die Beute in den Wald. Die Frau, zuerst starr vor Schrecken, sprang dann sofort auf und schrie, eingedenk der heiligen Klara: „Hilf, heilige Klara, hilf! Dir empfehle ich das Kind in dieser Stunde.“ Das Mädchen aber - wunderbar klingt es -, das der Wolf im Rachen trug, fuhr den Wolf laut an: „Du Räuber, wirst du mich weitertragen, obgleich ich einer solchen Jungfrau anempfohlen bin?“ Durch diese Strafrede bestürzt, legte er das Mädchen sofort sanft auf die Erde und lief wie ein ertappter Dieb eilig davon.


Kapitel XLI.
Heiligsprechung der heiligen Jungfrau Klara

62. 
Auf dem Stuhl Petri saß der gütigste Fürst und Herr, Alexander IV., ein Mann und Freund jeglicher Heiligkeit, ein Hort der Ordensleute und eine starke Säule der Orden. Da lief die Kunde von all dem Wunderbaren durch die Welt; von Tag zu Tag erklang der Ruf vom Tugendleben der Jungfrau immer lauter. Selbst die Welt erwartete mit Sehnsucht die Heiligsprechung einer solchen Jungfrau. Der erwähnte Papst, von so vielen Zeichen wie zu einer außerordentlichen Angelegenheit ermutigt, begann, zusammen mit den Kardinälen über Klaras Heiligsprechung sich zu beraten.

Die Prüfung der Wunder wurde gewichtigen und gelehrten Persönlichkeiten anvertraut und ihnen auch die Besprechungen der großen Taten ihres Lebens übergeben. Es wurde ermittelt, daß Klara schon zu ihren Lebzeiten in der Übung aller Tugenden ganz strahlend befunden wurde. Es wurde ermittelt, daß sie aber auch nach ihrem Heimgang durch wahre und anerkannte Wunder verehrungswürdig ist.

Am festgesetzten Tag, als das Kardinalskollegium, Erzbischöfe und Bischöfe, Klerus und Ordensleute und eine sehr große Anzahl weiser und einflußreicher Männer versammelt waren, stellte der Papst jenes heilsame Unternehmen in den Mittelpunkt und verlangte das Urteil der Prälaten. Alle stimmten bereitwillig zu und erklärten, man müsse Klara, die Gott schon im Himmel verherrlicht habe, auch auf Erden verherrlichen .

Als der Tag nahe war, an dem Klara vor zwei Jahren zum Herrn heimgegangen war, schrieb in Gegenwart der Prälaten und der ganzen versammelten Geistlichkeit der glückliche Papst Alexander, dem der Herr diese Gnade zugedacht hatte, Klara mit der denkbar größten Feierlichkeit in das Verzeichnis der Heiligen ehrfürchtig ein und bestimmte, ihr Fest feierlich in der ganzen Kirche zu begehen . Er selbst beging es als erster in hochfeierlicher Weise mit der ganzen Kurie.

So geschehen in der Kathedralkirche zu Anagni im Jahr 1255 nach Christi Geburt, im ersten Jahr des Pontifikates des Herrn Alexander; zum Lob unseres Herrn Jesus Christus, der mit dem Vater und dem Heiligen Geiste lebt und herrscht in alle Ewigkeit. Amen.



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